Mein Leipzig lob ich mir!

 

               Spaziergang einer  Exil-Leipzigerin   

              (vor und nach 1989)    © Thea Derado

 

                 Zugegähm, och wennsch mich schäme,

                 viel Jahre war ich mal nich derheeme.

                 Doch langsam wird mer alt und sieche,

                 da zerrt's een an dn Ort der Wieche.

                 De Nostalchie trieb mich nach Sachsen,

                 nach Leibzsch, da wo ich offgewachsen.

 

                 Wohl dem Haus in dieser Stadt

                 wo ä Poet gewohnt mal hat;

                 denn das gahm under Denkmalschutz

                 un dadermit ooch under Butz.

                 Doch war's ä ganz normales Haus,

                 da sah de Sache draurisch aus:

 

                 Fieln de Steene raus in Stiggen,

                 zeicht' de Mauer bald schon Liggen.

                 Wo dor Zahn dor Zeit dat walden,

                 da gonnt sich ooch gee Mördel halden.

                 Und um das Ganze zu begrien'n,

                 musst' de Räschenrinne dien'n.

 

Um ze seh’n, dass das kee Gohl is,

              fuhr ich ooch mal naus nach Gohlis.

              Schon ä gleener Blick geniecht

                 da wo de Elektrische um de Gurve biecht.

              Ach, da warn so viele Egg'n,

                 die mor lieber wollt vorstegg'n.

 

              Wo einst de Blaue Schule stand

                 buddelt ä Griewatsch rum im Sand.

                 Am Giggerlingsbärch, na gugge ma,

                 stand's Gohliser Schlässchen noch schmugge da!

                 Doch wo mir einst lauschten klass'schen Melodein,

                 daden im Bark de Disteln gedeihn.

 

                 Sah mor die vergommnen Schubben,

                 dat einm 's Herze in de Hose hubben.

                 Unzählsche Wohnungn standen leer,

                 dän fählte ne Ränofierung sehr.

                 Mancher is oft zun Behärden gerennt,

                 doch immer war ärschepft 's Gondingend.

 

                 So latscht ich off der Gindheids Pfade

                 un dacht: Um Leipzig wär's echt schade!

                 Ach, Leipzig, wunderscheene Stadt!

                 Nur's Zentrum geht, sonst stirbste ab.

                 Du bliehtest under Börchermeister Lottern,

                 doch dann ließ mer dich ganz verloddern.

 

                 Doch blätzlich dad sich's dann erweisen

                 de Glückskraft von St. Georchs Eisen.

                 An der Nikolai-Görche eingemauert

                 hat's lange off die Zeit gelauert,

                 bis se montags demonschtriern.

                 Der ganzen Welt dat's imboniern.

 

              Da ward de Theorie zur gewaltlosen Gewalt,

              weil alle war’n in sie verknallt.

              Bald ergriff's de ganze Stadt,

                 alles, was zwee Beene hat.

                 Dann Dausende offm Ring, beim Brühl!

                 Das war ne Wucht! Un das Gefühl!

 

              Ich saß in mein’m Exil in Bayern,

              dad aus der Ferne kräftsch mit feiern,

              wenn den Zaun zerschnippelt ham de Ungern.

              Ich konnt nur vor der Glotze lungern,

              war von allem ganz benommen.

              Was wird den nu als Nächstes gommen?

 

                 Ooch Angst hat einm im Hals gesessen.

                 Das sollt' mer so schnell nich vergessen.

                 Dann Gerzen rund ums runde Eck!

                 Dachdecker Honny fecht's glatt weg.

                 Der Gorbi macht nicht lange Faxen:

                 ‚Da habtern, Euern Freistaat Sachsen!

 

                    Nu mach doch eiern Dreck alleene!‘

                    Da hilft kee Knietschen, meine Kleene.

                 Zeicht Dir ooch Bach de leere Tasche

grad wie ä Phönix aus der Asche

wirst du, mei Leipzig, wieder scheene.

                     Un off dor  Elster gondeln Kähne.

 

                 Wo mer jetzt guckt un wo mer gehn,

                 mer jedes Mal was Neues sehn:

                 De Rathausuhr mit waschechter Farbe,

                 in den Straßen schließt sich so manche Narbe.

                 Vorschwinden dun de grauen Fassaden.

                 Sogar de Luft gann mer wieder atmen.

 

                 "Bau-auf-bau-auf" ist längst verklungen.

                 Nun wirds gemacht un nich gesungen!

                 Noch viel fischelande Börger winsch ich dir,

                 (Aus Erfahrung fiech mer ein:

                 Nich jeder muss ä Schneider sein.)

                 damit mer freelich sagen kann:

                 MEIN LEIPZIG LOB ICH MIR !

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Verwahrung eines Leipzigers

gegen den falschen Gebrauch seiner Mundart

Johannes Poeschel

 

Nee, das geht mer driewer niewer, was mer jetzt uns biedn dud.

So ä alwernes Gelaber bringt mich fermlich noch in Wut.

Wird wohl eener Englisch dichten, hat’r nisch derzu ooch s Zeich.

Awer unsre scheene Sprache, die denkt jeder, gann’r gleich.

 

Schreibt da eens: „An meene Waschfrau“! Hbt’r sowas je geheert?

Nee, das geht mer driewer niewer. S hat misch gradezu embert.

Ihr meent, wenn’r ee for ei sacht un for au da sagt’r ooh,

hält mer eich for rischtche Sachsen? Nee, s is lange noch nisch so.

 

Basst schetzt off, was isch eich sache, schreibts eich hinder eire Ohre.

Oder lasst mit säxsschen Värsn ginftsch uns liewer ungeschorn.

Wisst’r, wer de nich von kleen uff unsre Sprache gennt, der errt.

Lern muss der un Biecher wälzen, bis er’sch endlich weise wird.

 

Nämlisch wo der alden Deitschen schon gesacht ham ei un au,

da nur heest’s schetzt hierzelande ee uno o, merkts eich genau.

Awer wo se frieher sachtn u un i, da sprechen mir

au un ei nu äben grade. Seht‘rsch, grade so wie ihr.

 

Wenn’r zählt, sprecht eens un zwee‘e, dann gommt awer dreie dran.

Un wär „meene“ sagt statt meine, na, der zeigt äm, was er gann.

Kleeder macht der Schneidermeester, reesen, doch zerreißen sprich.

Steene ham mer viel in Sachsen, geene „Schweene“ ham mer nich!

 

Laufen dhun mer nich, mir loofen, un fer auch, da sag‘ mer ooch,

„soofen“awer dhut gee Sachse, un fer Bauch spricht geener „Booch“.

Seefe braucht mer, Pfeife roocht mer. Niemand schnoobt sich, mit Verloob.

Awer leicht vorwächseln gannste Eechenlob un Eegenlob[1].

 

So, nu wisst’rsch! Wenn’r wiedr sach‘sche Värse machen dhut,

schießt nisch wieder solsche Becke. S bringt misch werklich sonst in Wut.



[1] Eichenlaub und Eigenlob