Mich trifft der Schlag!

Mich trifft der Schlag (Apoplexia cerebri)

Klar, ca. 250.000 Menschen erleiden jährlich in D einen Schlaganfall, und nach 55 Lebensjahren verdoppelt sich die Wahrscheinlichkeit pro Dekade, zu diesen Geschlagenen zu gehören.

In allen Heften und Merkzetteln stehen als erste Erkennungsmerkmale Wahrnehmungsstörungen (beim Sehen, Hören, Fühlen, auch Sprachstörung, einseitige Lähmung). Nichts davon! Weil es bei mir anders war, will ich euch davon berichten.  In allen Fällen gilt: Zeit ist kostbar, „time is brain“.

Am Donnerstag, den 6. März (2014)früh um 9 Uhr, ich brachte den mit seinem Laptop beschäftigten Göttergatten seinen Tee, als ich das Gefühl hatte, mein rechter Schuh sei mit Bleigewichten beschwert. Durch dieses Ungleichgewicht fühlte ich mich wie in einem Erdbebengebiet – oder wie auf einem schwankenden Schiff, leicht schwindelig.  Nur kurz gab ich dem Drang nach, mich hinzulegen. Mehrfach hatte ich doch gelesen, bei Frauen sei alles ganz anders! Und weil sie sich nicht so ernst nehmen wie die Herren der Schöpfung, vergeht kostbare Zeit.  

So ernst, sofort die 1-1-2 anzurufen, konnte auch ich mich nicht nehmen. Aber unseren Arzt ließ ich durch seine Sprechstundenhilfe informieren. Ich solle auf ihn daheim warten, er käme.

Nichts Gutes ahnend, packte ich einstweilen die Versicherungskarte, das Handy und Geld ein und ermahnte den ahnungslosen Herrn des Hauses, er möge sich mal anziehen, unser Arzt würde gleich kommen.

Er kam, sah, diagnostizierte „Apoplex“ und wählte die 1-1-2. Auf meine Bitte, mir drei Schlüpfer in den Rucksack zu stecken, fragte der unbeschwerteste aller Ehemänner, wo die denn seien. Unser Arzt bekam einen Heiterkeitsausbruch. Unterdessen weiß ich von anderen Frauen, dass das ganz typisch sei. - Die herbeigeeilten Sanis und mein Arzt legten mir einen Tropf an, packten mich auf eine Trage und ab ging die Fahrt. Allein der Transport kostet die Kasse über 500 Euro! – Das erste Krankenhaus wimmelte uns ab, sie wären gerade mit einer Reanimation überfordert. Nun ging es, heidiwitza und tütata, mit Blaulicht durch die ganze Stadt von Norden nach Süden(nach München Harlaching). Genügend Zeit, mich immer mal wieder ins Bein zu kneifen, um festzustellen, dass da nichts taub sei, und um mir Gedichte aufzusagen, um zu prüfen, ob da oben was ausgefallen war. Alle Gedichte waren noch da.

In der Klinik (München hat fünf Krankenhäuser mit Schlaganfall-Abteilungen, stroke units) gleich in den Computertomografen geschoben. Keine Blutung im Hirn. Ins Bett gepackt, an Monitore für 72 Stunden angeschlossen: Blutdruck, EKG, Sauerstoffgehalt im Blut. Blutprobe für Gerinnungsfaktor, Blutzucker und –fettwerte. – Um es vorweg zu nehmen: alles o. B.! Wunderbare Werte! Dann kam der Stationsarzt. Der erste Mann nach all den Schwestern. Mir ging es gleich viel besser.                   Auf meine Bemerkung, er werde mich gewiss gleich wieder heim schicken wegen Simulierung, meinte er: „Sie sind auf meiner Station gelandet, also haben Sie einen Schlaganfall!“ Nach meiner Symptomschilderung: Schwere im rechten Bein und rechten Arm, tippte er mir links von der Mitte auf den Schädel. Da vermute er ein Gerinnsel. Die Zeit reiche nicht (es waren unterdessen 3 und ½ Stunde vergangen), das erst noch zu klären; wir müssten gleich handeln und die Thrombolyse einleiten. Mit einem sehr heftigen Lösungsmittel. Vier Prozent der Patienten gehen dabei wegen innerer Blutung über den Jordan. Als ich ansetzte, ihm zu erklären, was mit meiner Leiche zu geschehen habe, schmiss es ihn vor Lachen auf mein Bett. So weit seien wir noch nicht.

Also Ihr seht, so ein Schlaganfall kann recht fidel sein. Nach der Infusion ist 24 Stunden Bettruhe angesagt. - Ein Kernspin-Tomogramm brachte Klarheit. Als ich erste Gehversuche mit der Physiotherapeutin im Treppenhaus unternahm, ging Dr. Meyer, der Stationsarzt, vorbei und triumphierte, er habe recht gehabt: Links von der Mitte im Thalamus ist ein weißer Fleck. Dort hat das Gerinnsel gesessen.  Keiner weiß, woher es kam. Meine Halsarterien sind frei und klar, und das Blut sprudelt darin ungehindert, dass es eine Freude ist.

Weil alles so wunderbar ist wurde noch ein serologischer Test unternommen auf Lyme-Borrelien, gegen die ich seit Langem Antikörper bilde, und auf GO, Geschlechtskrankheit, die ich nicht habe.

Am fünften Tag wurde ich entlassen. Mein Mann hatte mir eine seiner Krücken dagelassen (er und unsere Tochter hatten mich am Samstag besucht), und so fuhr ich recht verwegen mit den öffentlichen Verkehrsmitteln heim. Ich hatte überall Sitzplätze. Laufen musste ich erst wieder lernen. Bei jedem Schritt musste ich schauen, wohin ich meine Füße setzte.

Unterdessen habe ich mich schlau gemacht (Wikipedia) und belästige euch nun mit Fremdwörtern J: Es war ein ischämischer Schlaganfall oder Hirninfarkt. Das ist kein schnell gesprochenes ‚ich schäme mich!, sondern heißt Blutleere oder Minderdurchblutung. Die Zellstruktur kann dort nicht länger aufrechterhalten werden.

Ich wurde, weil man mir schon bald äußerlich und auch beim Sprechen und Denken nichts anmerkte, gefragt, das sei wohl nur ein „Schlägle“ gewesen. Gibt es so etwas? Die Stelle des aufgelösten Gerinnsels im Kernspinn-Tomogramm  entspricht ca. einem 2-Cent-Stück. 

Nein, nicht Schlägle; wichtig ist a) die Geschwindigkeit in der das Gerinnsel aufgelöst wird, um Absterben der Hirnzellen im Rahmen zu halten; und b) die Stelle im Hirn, wo die Durchblutung fehlte.

Man unterscheidet Schlaganfälle im vorderen Stromgebiet (halbseitige Lähmung, hängender Mundwinkel, Gefühls- oder Seh- oder Sprach- oder Gedächtnisstörungen) und die

im hinteren Hirnkreislauf. Dazu gehört nun wohl auch mein angeschlagener Thalamus. Der entscheidet, welche der vielen Sinneseindrücke, die uns überfluten, für den Einzelnen wichtig sind. Und er meinte in den ersten Wochen und Monaten meist „NJET“! Er hieß mich bis zu elf Stunden täglich schlafen. Zwischen Kochen und Essen musste ich mir erst mal eine Mütze voll Schlaf holen.

Ihr müsst wissen, dass ich, altruistisch wie ich nun mal sein kann, auf einen Reha-Aufenthalt verzichtete, um den einzigen Ehemann, den ich nun mal habe, daheim umsorgen zu können.  Als ich davon schwärmte, wie schön es im Krankenhaus war, wo ich nicht am Herd stehen musste, sondern das Essen serviert bekam, war er beleidigt, dass es mir in der Klinik besser gefallen hätte als bei ihm! Ja mei! (das ist Bayerisch.)

Unser Hausarzt, als ich mich zurückmeldete, empfahl mir tägliche Spaziergänge. Anfangs schaffte ich zehn  Minuten auf ebenen, stolperfreien Pfaden. Einen Stock nahm ich nur einen Tag, da ich das Gefühl hatte, ich würde ungleich belasten. Im Juli war ich bei ein bis zwei Stunden Gehzeit. Auf der Namibia-Reise im August lernte ich, dass hohes Tempo und Bergwanderungen der Vergangenheit angehören. Für die Feinmotorik im rechten Ringfinger kam das Klavier zum Einsatz; auch gut.

Mein Thalamus benimmt sich nach acht Monaten wieder recht friedlich. Bis dahin waren Besuche von Veranstaltungen und Vorträgen nicht so nach seinem Geschmack.

Fazit: Ich bin dort angekommen, wo ich altersmäßig wohl hingehöre. Im Vorjahr konnte ich doch glatt noch einige Jahre leugnen, meinem Empfinden nach.

„Mor musses Lähm ähm mehm, wie’s Lähm ähm is!“ – oder

 

„Das konnte noch viel schlimmer komm“, so feixen echte Sachsen.

Was andre schrecklich schwer genomm, dem fühln se sich gewachsen!

Und schwimm die letzten Felle fort, dann huppt er nach un landet dort,

wo die ä mal ans Ufer treibn. – So isses un so wird’s auch bleibn!