Hier entsteht die Seite Ökheim - Geschichten.

Neuer Beitrag vom Herbst 2014:

 

Öku-Altersheim 

 

Im Laufe der Jahrzehnte hat unser Ökheim manche Wandlung erfahren, insbesondere was die Hausordnung betrifft.

Obgleich wir alle volljährig waren, schwebte über dem Liebesleben der ersten Generation (ab 1958) wie ein Damoklesschwert der Kuppelei-Paragraph des StGB: Ab 22 Uhr war es vorbei mit der Koedukation! Ab da lernten und übten die Jungs allein in den unteren Stockwerken, wir Mädchen in der dritten und vierten Etage!

Bereits 1993, zum 35. Jubiläum, gab es gemischte Stockwerke, vorwiegend Einzelzimmer. Später durften auch Pärchen gemeinsam einen Raum bewohnen.

Schon damals spannen wir die Umgestaltung weiter und malten uns aus, wie ein ökumenisches Altersheim aussehen könnte – in einer fingierten

Pressemitteilung  vom 1. April 20xx:

Ein großer Erfolg der Autonomiebestrebungen in Europa. Stop.

ÖKUMENIEN wieder vollständig in der Hand der Ureinwohner. Stop.

Der Text lautet – nach dpa – wie folgt:

Viele Jahre nachdem die Ureinwohner von Ökumenien im Mai 1993 schon einmal die Besetzung ihrer alten Heimat geprobt haben, ist es ihnen gelungen, das Terrain, tief im Herzen Schwabings gelegen, wieder ganz in ihre Gewalt zu bringen. Ein rührender Anblick, wie alte Tattergreise und gepflegte Seniorinnen, die vor Jahrzehnten hier gelebt hatten, nun wieder besitzergreifend in Ökumenien Einzug halten!

            Es musste ja aus mehreren Gründen so kommen:

Zum Einen nahmen in Europa die Autonomie-Bestrebungen, die mit dem Fall des Eisernen Vorhangs ihren Anfang nahmen, immer groteskere Formen an. Jede noch so kleine Enklave wollte unabhängig werden und sich für autonom erklären, natürlich im Rahmen der europäischen Gemeinschaft.

Was lag näher, als dass auch Ökumenien wieder seinen Ureinwohnern zugesprochen wurde.

Zum Anderen zwingt die Wohnungs-Knappheit in München dazu, wieder die alten Lebensformen zu pflegen, dass sich zwei Menschen ein Zimmer teilen, so wie das in Ökumenien in den 60er Jahren vorwiegend üblich war. Das Anspruchsdenken nachfolgender Generationen hatte mit diesem sozialen Brauch gebrochen. Sogar Einzelzimmer waren kaum noch zu vermieten, da die Studenten eigene Apartments begehrten. Keiner wollte noch Dusche und Toilette mit anderen Menschen teilen. Und das war lange vor Ebola!

Und ein Zustand war besonders kritikwürdig in den Augen der jungen Menschen: nur ein Telefon für ein ganzes Stockwerk! Oder gar fürs ganze Haus! Völlig unakzeptabel  für junge aufstrebende Persönlichkeiten!

So war allen gedient, als eine Initiativgruppe der Ureinwohner Interesse an der Übernahme des verödeten Gebäudes zeigte.

Wie wir hörten, soll als erstes die Kellerbar erweitert werden, so dass wie früher auch das Frühstück wieder gemeinsam eingenommen werden kann. Bernd Semmelgräfe hat sich freudig bereit erklärt, den morgendlichen Betrieb wieder zu organisieren.

Auch Wiegräbes „Gerücht der Woche“ treibt schon wieder üppig Blüten.

Brigitte, die Rasche, hat bereits Verhandlungen mit den Bavaria-Filmstudios aufgenommen, um den Ökumenen einen Dauervertrag als Statisten - der auch mehr – zu sichern. Dem ersten Streifen, der unter Mitwirkung der Urökumenen bereits gedreht wird, „Rosarote Zeiten für graue Panther“, soll als Kulisse der sonntägliche Königsplatz dienen. Auch die Baggerseen an Münchens Stadtrand wurden in Erwägung gezogen.

Das Treppenhaus Ökumeniens wird zur Bibliothek umfunktioniert, wo an den ungenutzten Wänden alle Heimbewohner ihre gesammelten Bücher unterbringen können. Fachseminare finden täglich statt.

Um Ärger und unliebsame Auseinandersetzungen vergangener Zeiten zu vermeiden, der sich beim Eintreiben der Energiepfennige ergab (z. B. im 4. Stock 30 Pfennige monatlich!), wird künftig Solarenergie zur Aufbereitung von Warmwasser und zu Stromerzeugung genutzt werden. Die Installation der Sonnenkollektoren und der Solarzellen ist bereits in vollem Gange.

Noch nicht entschieden haben sich die älteren Herrschaften, ob man die promiskuitive Einrichtung der gemischten Stockwerke beibehalten soll, oder ob man nicht doch lieber wieder die oberen Etagen in Damen-Kemenaten umfunktionieren solle. Die Harems-Idee findet nicht nur bei Muslimen großen Anklang. Nein, verblüffender Weise sind insbesondere langverheiratete Ehepaare (– und fast alle begehen in diesen Wochen und Monaten ihre Goldene Hochzeit –) gar nicht abgeneigt, mal wieder in getrennten Stockwerken zu wohnen.

Einig ist man sich allerdings schon, dass die 22-Uhr-Sperrstunde der Vergangenheit für immer angehören soll.

Wie auch immer in diesem multiethnischen, multivitamin, multikulturellen Ökumenien die Detaille-Fragen gelöst werden, mit Sicherheit gilt für das Zusammenleben wie schon früher der Wahlspruch (aus Zimmer 213)

SEID NETT ZUEINANDER!!!

 

(Thea Derado, früher Köhler – Zimmer 403)

Die Idee zum Öku-Buch

Soeben habe ich mir die Fotos vom letzten Sommer angesehen, als Sandy aus Montana in München war. Kirsten hatte das Lokal ausgesucht, damit sie bequem mit ihrem Rollator dorthin kommen konnte. Verrate ich euch ein Geheimnis mit der Aussage: Wir werden alle nicht jünger? Zudem verließ uns für immer unsere erste Hausmutter, Schwester Annebärbel Röchling, folgte somit in Umkehrung der Reihe ihrer Nachfolgerin Frau Irene Dietterich. Auch  der erste Heimleiter, Pfarrer Hiller, starb 2010 im Alter von 82 Jahren. Genau so alt war Heikki Holkko. Auch Geza Horvath, unser übermütiger Ungar, liegt bereits auf dem Friedhof, wie auch Mahmoud Jaber, „mein Brüderchen“, syrischer Kurde.

Erschüttert füge ich ein: Roland Böhme ist am 20. April 2013 gestorben. Herzschlag auf dem Tennisplatz beim Spielen!!!

Die Einschläge kommen näher, und der Sand ist schon geschaufelt, den sie uns mit zittrigen Händen hinterher werfen werden. Dann ist es mit „an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“, wie Mathematiker zu sagen pflegen, zu spät zu der Erkenntnis: Eigentlich hätten wir die Erinnerungen an unsere Ökheim-Zeit festhalten sollen. Sie waren gewiss prägend für ein ganzes Leben.

„Schreib doch mal ein Buch darüber“, versuchte Klaus Neumann mich zu ermuntern. Er meinte, nach drei verlegten Büchern hätte ich das Zeug dazu. Nein, habe ich  nicht, es wäre zu einseitig. Ich sudelte tagsüber im Labor, nein, keine Sexual-Lockstoffe, wie das ‚Gerücht der Woche‘ einst verkündete, bekam also nur die lockeren Seiten des Öku-Lebens in der Kellerbar und sonntags am Baggersee mit. Aber die Idee eines Buches ist super: Wir waren ein Experiment – in mehrfacher Hinsicht. Und wie jeder nach über einem halben Jahrhundert sehen kann: ein wohl gelungenes Experiment. Damals 1958! Da galt die Devise

Ausländer rein!

Also nicht nur, wie zuvor schon im Arcis-Heim, - trotz bestehenden Kuppelei-Paragraphen - beide Geschlechter unter einem Dach, wenn auch noch nicht auf einem Stockwerk; sondern auch musste die Hälfte Ausländer sein. Das war Bedingung für die Zuschüsse.  Holger Kaliebe, fünf Jahre lang Hausvater, hat in seiner Zeit etwa 50 Nationen gezählt.

Ein Öku-Buch hat nur Sinn, wen es Beiträge von möglichst vielen enthält: eine Anthologie. Bunt wie das Völkergemisch im Haus war, geistig rege und kritisch wie unsere vielen Streitgespräche in der Kellerbar, in den Inhalten so unterschiedlich wie die Fassungsvermögen, auf alle Fälle unterhaltsam. Ich finde, es dürfen auch Namen verfälscht werden und der künstlerischen Freiheit statt gegeben werden. Das ungefähre Jahr des Erlebten wäre allerdings einer chronologischen Einordnung dienlich.

Also, auf ans Werk!

Thea Derado (damals Köhler)

(4. Etage von 1958 – 1962, Erstbelegung)

 

Vielleicht wecken folgende Stichworte bei euch Erinnerungen, die ihr mir schicken könnt.

Am besten über meine e-Mail-Adresse. Thea

 

Was (wer) führte euch zum Ök-Heim?

Besondere Freunde und Freundinnen; interessante Diskussionen

Lustige Erlebnisse

Deutsche Sprache, schwere Sprache

Wer traut sich zu, eine Bildseite ins Netz zu stellen?

Pfortendienst

Das mit dem Pfortendienst war so: Es gab für 114 Ökheimbewohner – abgesehen von einem Münzfernsprecher im Erdgeschoss -  ein einziges Telefon. Das stand hinter einer Glaswand im Pfortenraum, die Scheibe zum Wählen mit einem kleinen Vorhängeschloss vor unbefugten Zugriffen geschützt. (Dass ein findiges Kerlchen eine Methode wusste, wie man durch kurze Schläge auf die Gabel doch nach außen wählen konnte, soll hier verschwiegen werden.) Der kleine Pfortenraum war gleich neben dem ebenfalls verschlossenen Haupteingang. Abwechselnd hatten die Heimbewohner dort Dienst: Von dem Kabüffchen aus öffneten sie Fremden die Eingangstür, nahmen werktags die Post entgegen und steckten sie in die Kästen: Alle mit gleichem Anfangsbuchstaben hatten einen gemeinsamen Briefkaste!  Und sie nahmen Telefonate entgegen. Dann wurde normalerweise so lange durchs Treppenhaus geschrieen, bis derjenige, für den das Gespräch war, das mitgekriegt hatte und unter Einsatz seines heilen Genicks die Treppe herabgestürzt kam. Klingeln in die einzelnen Zimmer gab es nicht. Wozu auch. Wir sollten ja in Ruhe studieren und nicht Trallala-Besuche empfangen.

 

Der Kuppelei-Paragraph! Jeder Vermieter, also auch die Heimleitung, machte sich strafbar, wenn in den vermieteten Räumen „Unzucht getrieben“ wurde. Am schlimmsten traf es gleich im ersten Jahr einen Afrikaner, der von deutschen Gesetzen keine Ahnung, dafür aber eine junge Dame die ganze Nacht auf seinem Zimmer hatte. Am Morgen schloss die Putzfrau, die damals noch nicht Raumpflegerin hieß, auf, sah  des schlummernden Pärchens Füße unter der Decke hervorillern - zwei große schwarze, zwei kleinere weiße - und schlug Alarm. Er wohnte erst kurze Zeit im Ökheim und musste schon wieder seinen Koffer packen. – Ja - andere Länder, andere Sitten!  

 

 

1.  Allein in einer fremden Stadt

 

Wer kennt das nicht? Erfreut legst du einen Schritt zu. Glaubst, wenige Meter vor dir einen Bekannten erkannt zu haben. Endlich jemand Vertrautes! – Doch abrupt hältst du inne, ausgebremst durch dir Einsicht, dass das ja unmöglich ist. Keine Menschenseele kennst du in dieser fremden Stadt, in die es dich vor wenigen Tagen erst verschlagen hat. Zum ersten Mal allein, weit weg von daheim, für unabsehbare Zeit fern von Freunden, von allem Vertrauten.  

In dieser während des Krieges schwer zerstörten Stadt ist auch 1958 die Wohnungsnot noch spürbar. Mehrere ausgebombte Familien müssen sich mitunter eine Wohnung teilen, dazu die vielen zum Kriegsende aus den jetzt polnischen und tschechischen Gebieten Vertriebenen. Nun strömen auch die Flüchtlinge aus der DDR. Zudem ist München als Studienstadt (zwei Hochschulen, etliche Fachschulen) heiß umschwärmt. Und alle suchen eine Bleibe.

Wer Glück hat, findet wohl eine einstige Besenkammer unter der Treppe, in die gerade ein Bett und ein Stuhl passen – zu überhöhten Preisen.

Viele Absagen müssen Studenten aus südlichen Ländern einstecken. Vermieterinnen, meist alleinstehende Kriegerwitwen, sehen in den dunkelhäutigen jungen Männern ein bedrohliches Risiko. Der Krieg hat misstrauisch gemacht. 

Eingedenk dieser Not plante die Evangelische Studentengemeinde  in Schwabing, im Steinickeweg, das Ökumenische Studentenwohnheim. Ökumenisch bedeutet, religionsübergreifen: Griechisch- und russisch-orthodox, Buddhisten aus Japan, Inder mit ihren paar hundert Göttern, Juden, Muslime, Christen auch. Und a-religiöse Typen aus der DDR. Daraus ergibt sich ein buntes Völkergemisch. Auch Meinungs-Vielfalt, wenn an Apartheid gewöhnte weiße Südafrikaner mit Schwarzafrikanern ins Gespräch kommen. Und zu all dem noch die größten Unterschiede, die es zwischen Menschen geben kann – so habe ich bei Prof. Saller in Anthropologie gelernt: 52 Weiblein und 62 Männlein. Ja, es war wohl ein etwas gewagtes Experiment.

 

Bereits im mittleren von drei Flüchtlingslagern, Zwischenstationen zwischen altem und neuem Zuhause waren, bekam ich die Anschrift eines jungen Mediziners, der gestrandete Schüler und Studenten aus Sachsen, -Anhalt und Thüringen in einer ‚Arbeitsgemeinschaft‘ betreute. Direkt vom Bahnhof  kommend, durfte ich mich bei ihm an, mir bis dato unbekannten, Cornflakes laben und ein Bewerbungsschreiben für das noch nicht ganz fertige Studentenheim schreiben.

Für die sechs Wochen, die es zu überbrücken galt, landete ich in der Heßstraße in der Evang. Mitternachtsmission in einem Etagenbett. 22 Mädchen in drei Zimmern. Ab neun Uhr abends wurde das warme Wasser in drei Waschschüsseln zugeteilt, um zehn Uhr wurde das Licht ausgeschaltet. Dafür pro Nase 30 Deutsche Westmark, also 120 Ostmark, das empfand ich für Christliche Nächstenliebe als viel zu viel! Tagsüber war ich im Chemischen Institut in der Karlstraße. An den Wochenenden versuchte ich, München zu erkunden.

Einer der ersten Tage war der 1. Mai. Auf dem Königsplatz eine bescheidene Kundgebung. Durchs Mikrofon wetterte einer gegen Adenauer. So schnell kann gar keiner gucken, wie ich auf der anderen Straßenseite war! Bloß nicht schon wieder Ärger wegen der Politik!

Am 15. Juni war die Wartezeit endlich vorbei. Mit leichtem Gepäck und großen Erwartungen zog ich ein in das rosarote Haus in ein Doppelzimmer, gemeinsam mit einer griechischen Medizinstudentin Angelikí (Betonung auf dem letzten I).

Ein Provisorium vorm Haus, sah aus wie eine primitive Lokomotive, sorgte für Warmwasser und Heizung. Da die Vorhänge noch nicht geliefert waren, knipsten die Mädchen das Licht aus, bevor sie sich entblößten, wohl zum Verdruss lüsterner Fernglas-Gucker aus umliegenden Häusern.

In jedem Zimmer ein eigenes Waschbecken bedeutet, jeder kann sich waschen, wann er mag. Welch ein Luxus! Ein Bett und ein Stuhl und ein Tisch und ein kleines Bücherregal und ein Einbauschrank für jede und jeden. Ja, das war wahre Wonne! Auf jeder Etage eine Gemeinschaftsküche und ein so genannter Bügel-Raum, in dem auch die Schuhe Platz fanden. Dusche, Badewanne und Toiletten gegenüber.

Ein Platz im Einzelzimmer für Privilegierte zu 60 DM, im Doppelzimmer zu 45 DM.

 

Margit S., Jurastudentin im Ökheim, meinte sie müsse mich Greenhorn etwas betreuen und nahm mich mit zu einem Treffen ihrer Kommilitonen.  Da lernte ich gleich den Unterschied zwischen Ossis und Wessis kennen, obgleich es damals diese Begriffe gar nicht gab. Aber die Inhalte!

Ich stellte mich mit meinem Vornamen vor und redete alle mit ‚du‘ an, glaubte das sei unter Studenten in der ganzen Welt so üblich. Ha, aber nicht bei westlichen Jura-Studenten! Die schraubten hoch auf richtig oder gespielt empört! Ich habe die Lektion rasch gelernt, meine Damen und meine Herren! Einige Jahre später, als ich mich im MPI für Biochemie schon recht wohl fühlte und viele der Gleichaltrigen duzte, bemerkte einer der älteren Doktoranden sarkastisch, ich hätte eine ‚Gemütskolchose‘ eingeführt.  Da konnte ich schon drüber lachen.

 

Während der Sommerferien wurden Plätze im Heim auch an Nichtstudenten vermietet. Zu mir kam eine, aber so was von Wessi! Sie verdiente ihr Geld damit, dass sie Abonnements für Illustrierte an  Interessierte brachte. Jeden Morgen legte sie Kriegsbemalung auf, bevor sie sich auf ihren Kampfpfad begab. Versuche eines Gesprächs misslangen stets, weil sie einzig und allein über Filmschauspieler und  -innen redete, von denen ich in meiner sozialistischen Vergangenheit niemals gehört hatte. Ihr entrüstetes „Waaaas, den kennst du nicht? Aber den kennt doch jeeeder!“ dröhnt mir noch in den Ohren. Und ich konnte ihr unmöglich von meinen Erlebnissen in der DDR erzählen, ahnte sie doch nur dunkel, dass es solch ein Gebilde gab. Überhaupt konnte ich mich über Politik nur mit männlichen Hausbewohnern unterhalten. Oder aber eben mit anderen Sachsen und Thüringern beiderlei Geschlechts. Ein gemeinsames Schicksal verbindet ja doch.

Ich nutzte eine günstige Gelegenheit, ihr zu entkommen: Über den ASTA gab es billige Fahrten nach London. Ich musste doch endlich zu meinen acht Jahren Schul-Russisch wenigstens den Versuch unternehmen, a little bit Englisch zu lernen. Trampender Weise, bis weit hoch nach Schottland, in Jugendherbergen übernachtend. Langsam grub ich die Startlöcher zum Weltbürger!  

Meine Diplomprüfung rückte näher, und damit gehörte ich zu den Privilegierten für ein Einzelzimmer im 4. Stock – mit Balkon! Freiwillig wollte ich hier nie wieder ausziehen!

 

In der Adventszeit 1958, die Heizung funktionierte unterdessen, und die Gardinen hingen auch, lud die Heimleitung die Bewohner der umliegenden Häuser zum Kaffee ein, um sich besser kennen zu lernen. Nach einer Reihe freundlicher Reden wurde gefragt, ob es  Beschwerden gäbe. „Nein, eigentlich nicht. Aber ich finde, die Herren in den oberen Stockwerken haben entschieden zu viel Damenbesuch!“

Schallendes Gelächter. Die beiden oberen Stockwerke waren die der Studentinnen! Ja ja, big brother is watching you! Seid auf der Hut!

(Thea)

 

Deutsche Sprache, schwere Sprache

 

„Sag mal, hast du Beziehungen zum Studentenwerk?“ Ivo war  erst kürzlich auf Umwegen aus der damaligen Jugoslawien in die Bundesrepublik gekommen, um bei Heisenberg zu promovieren. Dieser Papierkrieg! 

Ivo hatte sich alle Formulare besorgt, sie auch sorgfältig ausgefüllt. Aber nun stand er vor einem Rätsel.

„Beziehungen? Nö. Warum sollte ich?“

„Ich muss da meine Unterlagen abgeben.“

„Na, dann mach das doch. Geh einfach in die Veterinärstraße.“

„Nein, so geht das nicht. Darf man nicht so einfach direkt. Braucht man Beziehung.“

„Eh, du bist hier nicht auf dem Balkan! Das ist eine deutsche Behörde. Da geht man hin und gibt seine Sachen ab!“

„He, he!“ Blöde Bemerkungen über Balkanländer ärgerten ihn. Zudem schien sein Zimmerkollege auch noch begriffsstutzig zu sein. Mit weit ausholenden Gesten, Ivo sprach immer mit ‚großen Händen‘ ,belehrte er nun seinen deutschen Freund: „Ist nicht so, wie du denkst. Geht nicht so gerade. Muss man machen Bogen und kommen von hinten, so drum herum.“ Dabei beschrieb die rechte Hand einen ganz großen Bogen. Dann, Daumen gegen Zeigefinger und Mittelfinger gedrückt, die Hand  rhythmisch vorm Gesicht bewegend: „Steht explizit geschrieben. Verstähst du?! Kann man auch bei eich in Deitschland nicht machen, wie man mächte.“ Und er murmelte seinen Lieblingssatz vor sich hin: „Ist sich Katastrophe, ist sich Grund fier Kiendigung!“

„Das steht geschrieben? Wo? Zeig her!“

Ivo deutete auf das amtliche Schreiben: ‚Die Unterlagen sind beim Studentenwerk umgehend abzugeben!‘

 

 

 

Heikki, unser Finne,  klapperte die oberen Stockwerke ab, um die holde Weiblichkeit zu überreden, mit zum Sommernachtsball der Studentengemeinde zu kommen. Es war wenige Wochen vor Semesterende. Jede büffelte wie besessen für bevorstehende Prüfungen, schüttelte nur den Kopf, versicherte, wie gern sie doch mitgekommen wäre, und bat, sie in Ruhe weiter lernen zu lassen.

Resigniert stieg Heikki wieder hinab in die Männer-Etagen und verkündete: „Die fleischigen Mädchen können nicht zum Sommernacktsball mitkommen!“

 

            Verkorkstes Heimfest – Sommer 1961

 

„Ich weine in mein Bier. Was ist nur los mit mir?“

Diesen schaurig-schönen Gesang übte der Hausvater Holger Kaliebe für das bevorstehende Sommerfest in seinem Zimmer mit den fünf Stockwerkssenioren. So nannte man die, die jeden Monat Gasgeld einsammeln, und jeden Abend geschlechtsfremde Heimbewohner/innen aus den Stockwerken jagen mussten. Alle sechs waren Heimbewohner und weder senior, noch Vater. Nur die Heimmutter war älter, Schw. Anne, auch so – Schwanne – genannt.

Mitten in dieses Üben schräg klingender Dissonanzen platzte ein verärgerter Libanese, und damit auch ein triftiger Grunde, für den Rest des Tages, des Abends und der Nacht ins Bier zu weinen.

Jamal grüßte gar nicht erst die heitere Runde, sondern machte gleich seinem von arabischen Nationalstolz gestärktem Ärger Luft: „Die Tischkarten müssen geändert werden! Sonst werden heute Abend alle Araber das Fest boykottieren.“ Ob er so komplizierte Worte wählte, weiß ich nicht mehr. Aber der Inhalt stimmt so.

Aus dem sich entwickelnden Dialog zwischen Jamal und Holger, einem angehenden Juristen, der betonte, nicht erpressbar zu sein, erfuhren wir ahnungslosen Senioren nach und nach den Grund für all die Aufregung.

Damit am Abend beim Festessen nicht lang verbandelte Grüppchen zusammen gluckten, sollten die Paare gezogen werden. Die Burschen zogen aus einem Topf einen Staat, die Tischdame die dazugehörende Hauptstadt. Eine hübsche Idee der Heimleitung, muss doch jeder zugeben.

Nicht so der neugierige Jamal, der sich unerlaubter Weise in den Festsaal geschlichen hatte und eine provokante Tatsache auf der bereits gedeckten Tafel sah: Unter den Staaten war auch Israel, ein Staat, den es für die Araber nicht gab und dessen Einwohner sie, wie sie oft und fanatisch betonten, bei nächster Gelegenheit ins Meer treiben wollten. Und Gipfel der Tischkarten: Jerusalem als Israels Hauptstadt. Eine Beleidigung für jedes heiß schlagende Araberherz!

So energisch hatte ich Holger nie zuvor gesehen. „Auch die Araber müssen sich daran gewöhnen, dass Israel als Staat von den Vereinten Nationen anerkannt ist.

Und er nannte die Zahl einer Charta.

Jamal zog schließlich ab, nicht ohne nochmals zu betonen, alle Araber (auch die, die noch gar nichts von den Tischkarten wussten) würden dem Hausfest am Abend fern bleiben. Er, ein unscheinbarer Student mit Brille, der nie eine Freundin hatte, schwang sich zum Sprachrohr aller Ökheim-Araber auf.

Der war doch nur in den Festsaal eingedrungen, um Stunk zu machen, stand für uns alle fest.

Die Stimmung war jedenfalls im Eimer. Unter den arabischen Studenten waren einige recht gute Tänzer. Überhaupt, wenn von reichlich 50 Burschen etwa acht geschlossen das Haus verlassen, das hinterlässt schon spürbare Lücken.

Anerkennung fand das diplomatische Verhalten eines Makrebiners, eines gut aussehenden Algeriers. Um keinen zu verkrätzen, legte Jusuff sich ins Bett und war für diesen einen Abend krank. Die Mädchen wechselten sich ab, um ihm Leckereien von der Festtafel ans Bett zu bringen und ihn zu verwöhnen.

 

Als sich nach Tagen die Wellen gegenseitiger Verärgerung wieder gelegt hatten, drängte es sich auf, die arabischen Freunde zu fragen, was sie denn tun würden, wenn ein Israeli ins Haus zöge. Bei einem internationalen Studentenheim ja nicht gar so aus der Luft gegriffen.

„Da ziehen wir alle aus!“, hörten wir von jedem der Syrer, Ägypter, Palästinenser und Libanesen.

„Das möchte ich mal sehen!“

 

War es Zufall? Zu Beginn des Herbstsemesters war einer der neuen Heimbewohner Raffi (Raphael) aus Tel Aviv.

Keiner der Araber zog aus! Aber sie schnitten ihn konsequent. Nur Faizza, Ägypterin, etwa zeitgleich mit ihm nach München gekommen, scherte sich nicht um die Marotten ihrer Glaubens- und Sprachbrüder. Sie benahm sich als einzige ihm gegenüber wie ein mündiger Mensch.

 

Intoleranz, dein Name ist Mann! (;-) 

 

(Einwände werden freudig entgegengenommen.  Thea D.)

  

 

 

Reise in die VAR

 

„Woher kommst du denn?“, fragte Ivo, Kroate, in der Gemeinschaftsküche des ersten Stocks einen der Araber.

„Aus der V-A-R“, war die Antwort. Das war zu Gamal Abdel Nassers Zeiten.

„Und woher?“

„Aus der VAR!“ Die Glutaugen begannen bereits zu funkeln.

„Aber aus welchem Land? Aus Syrien oder Ägypten?“

„Das gibt es nicht mehr. Es gibt nur noch die VAR!“

„Die sind ja bescheuert!“, war Ivos Urteil.

Die Diskussionen mit unseren arabischen Freunden nahmen kein Ende. Außer der Behauptung, sie würden die Israelis ins Meer treiben, wollten sie auch noch die Weltherrschaft übernehmen.

„Solange ihr bei dem Wort ‚Arbeit‘ epileptische Anfälle bekommt, müssen wir vor eurer Vorherrschaft keine Angst haben,“ konterte Georges Zimmerkollege, ein emsiger Mathematiker. Und er witzelte noch: „Wenn du alle Bücher von hinten nach vorn und von rechts nach links liest, dann kann das ja nichts werden.“

Zugegeben, mit keine Glacé-Handschuhe wurde keiner angefasst. Besondere die aus der DDR Gekommenen ertrugen Phrasen und Schlagzeilen einer Einparteien-Diktatur aus dem Mund eines Zimmerkollegen nicht ohne Empörung. Am liebsten wollte man ihn wachschütteln, damit er auch einmal selbständig denkt.

Ständige Auseinandersetzungen weckten in den arabischen Heimbewohnern den Wunsch, uns ihre Heimat zu zeigen. Wir waren von der Idee begeistert. George, der Syrer, und Haschem, Palästinenser, beide im Vorstand der Arabischen Studentenvertretung, bewegten emsig die Hebel. Letztlich wurden 20 Studierende aus München von TH (heute TU) und Uni eingeladen, zuerst vom Kultusministerium in Damaskus, dem sich später das von Kairo anschloss. Ein Abstecher nach Libanon war dann auch noch drin. Aus dem Ökheim waren wir 4 Deutsche und ein Österreicher und unsere beiden VAR-ler, die als Übersetzer und Betreuer sehr hilfreich waren. Vom 1. Bis zum 19. April 1961 absolvierten wir ein straffes Programm.

In den ersten Tagen, in Kairo, schockierten uns die großen sozialen Unterschiede. Kleine Kinder wollten uns mit Flick-Flack beeindrucken, um Bakschisch zu erbetteln.  Spät abends schliefen kleine Kinder aneinander geschmiegt in Hauseingängen. Das war nun durchaus nicht das Bild, dass unsere VAR-ler von ihrer Heimat ihren deutschen Kritikastern vermitteln wollten. Hingegen welch Überfluss im Offizierskasino, wo wir zum Essen eingeladen waren – bei den Reichen und den Schönen, die ihre Langeweile mit Tontauben-Schießen vertrieben. Und ausgerechnet bei dieser High-Society wurde Juttas teure Lederjacke von der Garderobe geklaut!

In Ägypten lag das Gewicht stärker auf politischen Akzenten als auf ‚Antikem Gerümpel‘. Doch beim Besuch der Kairoer Universität „ging die Sonne auf“, wie die Jungs schwärmten. Faiza, eine aufgeschlossene, heitere Physik-Studentin, begleitete uns und gewann einen Berg von Herzen. Meines auch. Klar, als Naturwissenschaftlerinnen hatten wir ja auch von vornherein einiges gemeinsam J.

Wenn ich mir jetzt nochmals die Fotos von vor 50 Jahren anschaue, so ist offensichtlich, wem von den jungen Männern ihre besondere Sympathie galt. Es war kein  Araber.

Um von Kairo die Rückreise anzutreten, sahen wir Faiza am Ende der drei Wochen nochmals. Sie lud einige von uns zu sich nach Hause ein. Erstmals spielte ich ‚Trick-Track‘ (heute bekannt als Backgammon) – mit Faizas Vater, einem Hochschulprofessor.

Per Brieffreundschaften, für mich wegen meines noch immer mangelhaften Englischs recht problematisch, hielt sie die Verbindung zu einigen aus dem Ökheim. Bis sie dann selbst auftauchte. Da war meine Öku-Zeit bereits abgelaufen und ich lebte in einem Einzimmer-Appartement, gleich um die Ecke. Die Nabelschnur zum Heim war viel zu dick, als dass wir Urökumenen es weiter als ein bis zwei Querstraßen schafften. Während Faiza das Goethe-Institut (in Murnau ?) besuchte, wohnte sie während ihrer München-Aufenthalte bei mir und wir hatten die Nächte zum Reden. Da hörte ich mit Entsetzen erstmals von der Genitalverstümmelung arabischer Mädchen.

Mit reichlich 40 war sie eine der ersten aus meinem Bekanntenkreis, die an Krebs starb. Wenige Tage vor ihrem Tod rief sich mich an, um sich zu verabschieden. Nein, ich solle sie nicht noch einmal besuchen, sondern sie in alter Erinnerung behalten. Ihr Körper sei völlig vergiftet, weil die Chemo die Leber zerfressen habe. Unsere ‚Pharaonin‘, in unseren Herzen hat sie noch immer einen Platz.

 

Die Reise brachte nachträglich noch eine Erleuchtung. Als George und Haschem unsere treuen Begleiter waren, gab es in der Münchner ASV, Arab. Studentenvereinigung, keine Ägypter. Im Nachhinein wurmte das die Funktionäre in Kairo, dass zwei Syrer die VAR repräsentiert hatten. Sie schickten Ägypter in den ASV mit dem Auftrag, sich in den Vorstand wählen zu lassen, vor die Nase derer, die bisher die Gruppe leiteten. Mit vorgehaltenen Knarren wurde das Wahlziel erreicht. Dieser feindliche Akt „freundlicher“ Übernahme führte endlich zum selbständigen, kritischen Denken. Und das war gut so!

 

 

 

 

 

 

 

 

Kazuko  Saito (1961 /62) 

Ökheim  © Getraud Matweber  (erh. 22.01.11) 

Kazuko gab mir freundlich die Hand. Sie war viel kleiner als ich, kompakt gebaut und hatte ein breitflächiges Gesicht und ausgeprägte Schlitzaugen: Sie lachte so freundlich und offen und drückte spontan ihre Freude darüber aus, dass ich ihre deutsche Zimmerkollegin im Studentenheim sein würde, so dass auch ich mich sofort über diese Konstellation freute und vergnügt meinen Koffer auspackte.

Schon am ersten Abend lud sie mich zu einem japanischen Abendessen ein. Bald bekochten wir uns fast täglich gegenseitig.  Ich glaube, Kazukos  Lieblingsgericht waren   eine Art Maultaschen:  Thunfisch  in Weißkohlblätter gewickelt und in einer süßsauren Soße   gedünstet.  Ich durfte ihr beibringen, wie man Apfelstrudel bäckt, denn den hatte sie besonders gerne. Außerdem  machte es uns viel Spaß, wenn sie mir ein paar japanische Redewendungen beizubringen versuchte und ich  große Ausspracheschwierigkeiten damit hatte. Ihr Deutsch dagegen war geradezu perfekt: Sie studierte ja auch Germanistik.

In den folgenden Monaten verbrachten wir friedliche und  freundschaftliche Tage und vor allem Abende. Wenn wir in unseren Betten lagen, unterhielten wir uns noch stundenlang über unsere Leben, unsere Ziele und unsere Träume.  Kazuko versuchte mir zu erklären, wie die Kultur, in der sie aufgewachsen war, Menschen mit einer ganz anderen Gefühlswelt als bei uns  erzeugt. Sie beneidete uns Deutsche um das, was sie unsere „Gemütswelt“  nannte, jene oft dumpfe Mischung aus Sehnsucht und Melancholie, die sie als „Romantik“ aus der deutschen Literatur kannte. Sie war, so gestand sie mir,  besonders beeindruckt von dem, was sie unsere „Liebeskultur“ nannte, die –so glaubte sie - die Beziehung zwischen Mann und Frau präge. In Japan gehe es in dieser Beziehung sehr viel nüchterner und flacher zu.  Am liebsten sei es ihr also, so sagte Kazuko, wenn sie einen Deutschen kennen lernen würde, der sie heirate. Dann könne sie für immer hier bleiben Zunächst gingen wir aber gemeinsam in die Romantikvorlesung von Professor Vortriede!

Gegen Ende des zweiten Semesters unseres Zusammenwohnens, kam ein Bekannter der Familie Saito  (Noritada Oishi) ein Ingenieur, auf Geschäftsreise nach München.  (Meiner Erinnerung nach war er wegen einer  Lizenz für den Bau des Wankelmotors für Honda da).  Ich hatte den Eindruck, die Familie hatte auf eine spätere Heirat mit Oishi gehofft, aber zu dem Zeitpunkt war Kazuko schon in einen deutschen Kommilitonen verliebt. Nun  machten wir zu viert mit Oishis Auto (Kazuko, Noritada, Mohan Sharma und ich ) eine Wochenendreise zu mir nach Hause nach Niederbayern, wo wir herzlich von meinen Eltern empfangen wurden: Ich habe noch den Brief meines Vaters , in dem er besorgt anfrägt, was um Himmels willen meine Mutter kochen solle, damit es dem Inder und den beiden Japanern auch schmecken würde . Durchs Rottal fuhren wir nach Passau weiter, besichtigten die Altsstadt und den Dom und  erlebten eine schöne Schifffahrt auf der Donau. Ein paar Fotos erinnern an diese gemeinsamen Tage!    

Kazuko hatte das Studienjahr in Deutschland von ihrem Vater „geschenkt“  bekommen. Ihr Vater, Universitätsprofessor in Tokio, hatte selbst  in Deutschland, in Leipzig, studiert. Das war wohl noch vor der Zeit des Nationalsozialismus. Er hatte seine Liebe zur deutschen Kultur, vor allem der Literatur  und der Musik auch ins Herz seiner Tochter gepflanzt..

Das Jahr ging aber leider so schnell vorbei. Kazuko wurde unruhig und traurig. Ein Brief an die Eltern , in dem sie  indirekt andeutete, dass sie nichts gegen eine Verlängerung des Studienaufenthaltes in München habe, wurde wohl nicht  beantwortet. .

Doch da kam eine größere Geldüberweisung aus Japan: Von dem Geld solle sie vor der Heimkehr noch eine größere Reise durch Europa antreten.

Kazuko packte ein ganz kleines Köfferchen: Ein Nachthemdchen, ein Zahnbürstchen , etwas Wäsche, eine Jeans zum Wechseln , eine Tube Waschpaste  und ihre Papiere. So reiste sie für drei Wochen ganz alleine und, wie mir schien, ungeheuer mutig  nach Berlin, nach London,, nach Paris und weiter nach Süden über Madrid und Rom wieder zurück nach München.

Am Abend, als sie wieder da war, saßen wir zusammen und Kazuko erzählte von ihren Reiseerlebnissen. Doch plötzlich fing sie zu weinen an: Ich will hier bleiben. Ich überredete sie wieder einen Brief nach Hause zu schreiben und auf europäische Weise  deutlich zu formulieren, was sie sich wünschte.  Ach, hätte ich sie nur nicht dazu überredet!

 Es kam eine  klare Antwort:

Der Vater schrieb, er habe allergrößtes Verständnis für ihren Wunsch. Auch er habe Deutschland lieb gewonnen und sei nur schweren Herzens zurückgekehrt. Aber jetzt  müsse auch sie an ihre „Lebenspflicht“ denken und zurückkehren: Lebenspflicht? Kazuko sei 1945 nach dem Atombombenabwurf in der Nähe von Hiroshima elternlos aufgefunden worden.  Sie sei wohl die Tochter einer Bauernfamilie, die auf der. Fahrt zum Markt nach Hiroshima umkam.

Die Eltern hätten das Waisenkind zu sich genommen und adoptiert, denn sie selbst hätten keine Kinder bekommen können .K. werde nun zu Hause gebraucht und sehnlichst erwartet. Die Mutter sei krank und der Vater alt. So sei sie die Freude ihres Alters.

 Kazuko war also nicht das leibliche Kind ihrer Eltern. Sie stellte sich vor den Spiegel und erklärte mir: Diese Art der Breitflächigkeit der Wangenknochen, diese  etwas breite Figur,  die Schlitzaugen  weisen ja auf Herkunft aus ländlichem Milieu hin. Sie habe es ja immer bedauert, nicht so feingliedrig schmal wie die Mutter zu sein. Auch habe sie die Mutter schon öfters aufgefordert, das zu tun, was in Tokio modern war: Mit einem kleinen Augenschnitt das Lid öffnen zu lassen. Jetzt aber wisse Kazuko,  warum sie sich immer geweigert hatte: Es sei ein Teil ihrer wahren Identität gewesen, den sie damit verteidigt hatte.

 

Der Abreisetermin kam. Kazuko  packte ihre paar Habseligkeiten, schenkte ihren Freunden, was sie nicht mehr zu brauchen glaubte.  Ich bekam die Büchse mit den schwarzen Schriftzeichen und dem goldenen Drachen drauf, die ich noch heute besitze und gerne benutze.

Am Nachmittag würde das Flugzeug in Riem starten. Der Freund Reinhard würde sie  dorthin begleiten. Aber wir beide gingen am frühen Morgen ein letztes Mal gemeinsam in den Englischen Garten .Oben auf dem Monopteros standen wir und sahen, dass sich  ein wunderschöner sonniger Herbsttag über München ankündigte .Die Stimmung dieses Spazierganges am frühen Morgen  werde ich  nie vergessen. Es tat weh die liebe Freundin zu verlieren.

Ein paar Jahre lang hatten wir noch Kontakt:  Ich besitze ein paar Postkarten, in denen sie von ihrer Arbeit bei der deutschen Welle in Tokio berichtet, oder vom Schifahren in den Bergen Nordjapans .  Ein Foto zeigt  Kazuko in Tokio im Kirschblütenpark. Nach einigen Jahren ist der Kontakt leider abgerissen.

Vor  ein paar Jahren war ich  kurz in Tokio, habe ich vergeblich  versucht, Kazukos Adresse ausfindig zu machen. Die alte Adresse „Setagaya Ku“ galt nicht mehr –natürlich.

Ich hoffe, sie lebt und es geht ihr gut. Es war so wertvoll für mich, Kazuko kennengelernt zu haben und ein Jahr das Zimmer und damit das Leben mit ihr  zu teilen.

 

 

Unsere arabische Freundin

 

Kannst du mir Erde verkaufen, kannst du’s?

Deine Erde ist meine

Alle Füße treten darauf

Keiner hat sie zu eigen,

Keiner!                               (Nicolas Guilien,  SZ vom 28./29 Januar 1984                                                                     Traueranzeige für „unsere arabische Freundin“)

 

In den frühen 60er Jahren reiste eine kleine Gruppe von Studentinnen und Studenten aus unserem Wohnheim mit einigen arabischen Mitbewohnern in deren Heimatländer, nach Syrien, Ägypten und Libanon.

Im Heim (der Evangelischen Studentengemeinde) war es Prinzip, dass man – ehe man das Recht auf ein Einzelzimmer für ein Jahr bekam –mindestens 4 Semester lang ein Zimmer mit einem ausländischen Studenten bzw. einer Studentin teilen musste. Ich hatte gerade zwei Semester lang mit Kazuko das Zimmer geteilt. Nun war sie - nach einem traurigen Abschied - nach Tokio zurückgekehrt und ich bewohnte das Zimmer ein paar Wochen lang allein. Vor Semesterbeginn fuhr ich für ein paar Tage nach Hause. Ich war gespannt darauf, wer meine neue Mitbewohnerin sein werde, aber als ich zurückkam, war das Zimmer immer noch nicht besetzt.

Inzwischen war die Gruppe aus Arabien mit vielen Eindrücken zurückgekehrt. Begeistert berichteten sie von Faiza, einer ägyptische Studentin, die die Gruppe in Kairo geführt habe. H., ein Palästinenser, habe sich sofort verliebt und um sie geworben. Nach kurzer Zeit fuhr er nochmals nach Kairo und seltsamerweise habe die schöne Ägypterin seinen Heiratsantrag angenommen und ihn auch gleich geheiratet. Das ging offensichtlich nach islamischem Ritus ganz schnell! Deren Eltern hätten nichts gegen die rasche Heirat ihrer Tochter eingewendet. Es schien ihnen wohl sinnvoll, dass ihre Tochter auf diese Art die Gelegenheit bekommen würde, nach Deutschland auszureisen und dort zu studieren, was damals unter Nasser anders nicht möglich gewesen wäre. (Der Vater, ein Universitätsprofessor, hatte politische Schwierigkeiten und nahm  bald darauf einen Lehrauftrag an einer Universität in  Saudi-Arabien an.)

Bald würde also nun die junge Ehefrau am Flughafen in Riem ankommen. Man plante ihr im Heim einen festlichen Empfang zu bereiten:

Eigentlich war es nicht vorgesehen, dass ein studentisches Ehepaar im Heim wohnen konnte. Aber die Heimleitung wollte eine Ausnahme machen: Im Studentinnenstockwerk wurde ein außerhalb des übrigen Zimmerbereiches liegendes Doppelzimmer, das vom allgemeinen Studierraum aus zu betreten war, für das junge Paar hergerichtet.

Und dann kam sie an: Eine neue Nofretete? Oder, wie ein Nigerianer meinte, sie sei die wiedererstandene junge Göttin der Nok, deren Terrakottakopf wir in der Nigeriaausstellung im Lenbachhaus bewundert hatten. Faiza trug ihren zierlichen  Kopf hochaufgerichtet und das schwarze Haar zu einer Art Turm hochgebunden, der von einem breiten Samtband gehalten wurde. Und so wirkte sie größer als sie war. Das Profil ihres hellbraunen Gesichts war fein, der leichte Aufschwung der kurzen Nase und der vollen Lippen gab ihr einen energischen Zug. Die schwarzen Augen unter den dichten Wimpern blickten ernst, fast düster drein!

Im Gemeinschaftsraum hatte man eine Festtafel hergerichtet und das Haus durchzogen schon seit Stunden schwere und scharfe Düfte der Gerichte, die die Araber gekocht hatten.

Der Ehemann zeigte ihr zunächst das Zimmer im zweiten Stock. Nach einer Weile kamen die beiden wieder hinunter: Faiza wurde dem Heimleiter,  dem Studentenpfarrer Hiller der ESG, vorgestellt. Sie bat um eine Unterredung unter vier Augen! Man verschwand im Büro.

Der junge Ehemann reagierte zuerst lässig, danach unruhig und schließlich tobte er: Faiza  hatte dem Heimleiter erklärt, was sie nun auch coram publico tat: Sie erklärte ihrem Ehemann, dass sie die sofortige Scheidung fordere und gemäß islamischem Brauch auch ausspreche. Sie habe geheiratet, um eine Ausreisemöglichkeit aus Ägypten zu bekommen. Ihre Eltern seien informiert und einverstanden, dass sie versuche, in München zu bleiben und hier ihr Studium fortzuführen und zu beenden. Sie werde bei der Botschaft in Bonn die Scheidungspapiere beantragen. Aber sie bitte, im Heim wohnen zu dürfen, der Ehemann habe ja noch sein Zimmer in einem anderen Studentenwohnheim.

So kam ich zu meiner arabischen Zimmergenossin.

Mit meiner Ruhe war es vorbei: Wochenlang musste man aufpassen, dass der Noch –Ehemann nicht, wilde Drohungen ausstoßend, ins Zimmer eindrang. Schließlich bekam er Hausverbot und hielt sich auch daran! Nun erschien seine Schwester, die ebenfalls in München studierte; und zu meiner Überraschung befreundeten sich die beiden Araberinnen schnell. Die Scheidungsvorbereitungen, mit ihrem Papierkrieg, begannen, und das Studium an der TU konnte beginnen.

Wo Faiza auftauchte, erregte sie Aufmerksamkeit und Bewunderung: Stolz, schön und sehr energisch kämpfte sie um ihre Ziele und ihre Rechte. In der TU, wo Studentinnen damals allerdings rar waren, ging das Gerücht um, sie sei die schönste Studentin, die je hier studiert habe!

War ich allein Zuhause, konnte ich sicher sein, dass es alle halbe Stunde klopfte und irgendein schüchterner oder ein aufdringlicher Verehrer nach ihr fragte. War sie da, war sie energisch genug, die meisten mit entschiedenen Worten wegzuschicken. Recht schnell bildete sich aber ein Freundeskreis aus Verehrern von „außerhalb“ und vom Heim! Anscheinend ohne ihr wegen der Düpierung ihres Geschlechtsgenossen zu grollen, sammelte sich auch eine Gruppe von arabischen Studenten des Heims um sie und fast täglich in unserem Zimmer.

Ich war involviert, ohne richtig involviert zu sein. Meinetwegen stürmten keine wildfremden Studenten die Bude: Aber ich konnte kaum mehr ungestört am Schreibtisch sitzen. Ständig klopfte irgendjemand. Faiza ihrerseits ging zielbewusst morgens zur TU, um an Spätnachmittag zurück bald mit den langwierigen kulinarischen Vorbereitungen für das gastfreundliche Treiben am Abend zu beginnen. Ich konnte mich dem nicht entziehen und sie hätte das auch nicht geduldet. Ich wohnte mit ihr zusammen und es schien ihr selbstverständlich, dass sie schwesterlich alles mit mir teilte, Essen und Trinken, das Kochen, Gäste- bewirten, Diskutieren und vor allem das Nächte lange Reden über unsere Freuden und Kümmernisse. So lebte auch ich einige Monate mit Begeisterung ihr Leben mit.

Die arabischen Studenten im Heim bekochte sie, sie bemutterte sie, sie schimpfte Faule oder Dreiste, sie diskutierte und stritt auch schon mal lautstark mit ihnen. Oft ging es um Politik, manchmal auch um das Benehmen „der Männer“ hier in Deutschland! Ich lernte bald einige der arabischen Wörter zu unterscheiden und wusste, später, wenn wir wieder allein waren, würde sie mir schon erzählen, um was es im einzelnen gegangen war. So lagen wir nachts in den Betten und so wie mit Kazuko vorher gab es lange Gespräche in die Dunkelheit hinein. Faiza erzählte von ihrer Familie, von ihrer Kindheit in Heliopolis und von den politischen Problemen ihres Landes. Wir verglichen das Leben hier und dort und natürlich auch die Beziehungen zwischen Männern und Frauen hier und dort. Bald merkte ich, dass sie die Beziehungen zwischen Mann und Frau in Deutschland – wenn auch nicht so stark wie Kazuko –romantisierte, und, dass sie einmal einen Deutschen zu heiraten hoffte.

Nach ein paar Monaten fuhr sie nach Bonn, um erleichtert mit den Scheidungspapieren zurückzukehren. Mit der Zeit legte sich auch die Angst vor ihrem Geschiedenen, weil sogar seine Feindschaft schmolz.

Faiza war eine exzellente Köchin: Sie kommandierte mich als Hilfskraft tüchtig in der Küche herum: z.B. gab es Reis mit Nüssen oder Rosinen, scharfe grüne oder rote Soßen, Hackbällchen, Lammspieße, Hähnchen in Erdnusssoße, Sesamgebäck. Ich hatte ähnliches bei Afrikanern im Hause schon gegessen, aber nun lernte ich es zu kochen Ich blieb jedoch Hilfsköchin, Faiza war die Koch-Dirigentin, die mich energisch herumkommandierte:

Wenn gegen Abend die Gäste kamen, saßen je vier auf den Betten, vier konnten an den beiden Tischen essen und  manchmal musste auch jemand auf dem Bett in der zweiten Reihe mit seinem Teller hocken. Das Essen, Diskutieren, Lachen und Reden dauerte bis 22 Uhr. Dann wurde im Treppenhaus der Gong angeschlagen, und männliche Besucher mussten die Mädchenzimmer verlassen und umgekehrt. Natürlich gab es Möglichkeiten, dieses Gebot zu umgehen, vor allem Liebespaare fanden Tricks. Aber im Wesentlichen hielt man sich an die nächtliche Geschlechtertrennung. Meine Zimmergenossin war da sehr korrekt: Wir hatten ja noch genug zu tun, die Teller und Töpfe in die Stockwerksküche zu tragen, das Zimmer wieder sauber zu machen, zu lüften, zu spülen, abzutrocknen und Essensreste im Kühlschrank zu verstauen.

Meine Mutter, als sie mich besuchte, wurde von Faiza so versorgt, als sei sie ihre eigene Mutter. Mutter war begeistert von ihr. Einmal, ich war nicht zu Hause, kam mein damals 12 jähriger Bruder aus seinem Internat angereist, um am Abend weiter und nach Hause zu fahren. Er wollte im Zimmer auf mich warten. Faiza nahm sich des Buben an: Vergnügt saß er vor einem reichlich gefüllten Teller, als ich kam. Faiza hatte zuvor befunden, dass es nötig war, seine Haare zu waschen. Schüchterner Widerspruch hatte wohl nichts genutzt, sein Kopf war energisch in die Schüssel mit Wasser getaucht worden.

Für ein paar Wochen kam dann einmal in der Woche das Essen direkt aus Kairo zu uns: Ein Bekannter der Familie, ein Pilot der Ägyptian Air Lines, flog einmal wöchentlich die Strecke Kairo –München. Faizas Mutter gab ihm einen großen in Stockwerken gefüllten Topf mit herrlichen Gerichten mit. Der Pilot ließ den Topf in die Brienner Straße ins Büro der Fluggesellschaft bringen, und wir konnten  ihn dort abholen. Das Essen war noch warm: Wir waren also für einige Zeit mitten in München zu Gast bei Faizas Mutter.

Faizas Ex-Schwägerin, hatte offensichtlich keinen Groll wegen des Ehrverlustes, den Faiza ihrem Bruder zugefügt hatte. So kam auch sie gelegentlich, vor allem, wenn bei uns der „Schönheitsabend“ stattfand: Faiza hatte Bienenwachs und Honig eingekauft: Auf dem Herd wurde dies zu einer zähflüssigen Masse geschmolzen und frischer Zitronensaft dazu gegeben. Dann wurde der Topf mit der heißen, klebrigen Masse ins Zimmer gebracht. Wir sperrten von Innen ab und zogen uns aus, soweit es für die folgende Prozedur nötig war: Das erste Mal beteiligte ich mich nur zögernd, dann aber immer lieber: Auf Arme und Beine und auch das Gesicht wurde die noch ganz heiße Masse gestrichen: So saßen wir dann lustig redend zusammen, bis wir uns die hart gewordenen Wachsschichten mit einem manchmal schmerzhaften Ruck abreißen konnten: Die Haut darunter war wunderschön warm, zart und nun für Wochen völlig haarlos. Unsere Haut und das ganze Zimmer dufteten zitronig. Der Zitronensaft würde unsere Haut auch ein bisschen bleichen! Als ich sagte, ich wollte doch im Sommer braun sein, bekam ich das nächste Mal eine Extraration im eigenen Topf zubereitet: Faiza hatte für mich Blätter von Heckenrosen gesammelt, getrocknet und  fein zerrieben und in meine Wachsmasse gegeben. Das sei eben der kulturelle Unterschied zwischen uns: In südlichen Ländern müsse man sich bemühen, nicht zu dunkel zu werden, um  „vornehm“ zu wirken und bei uns sei es halt umgekehrt. Trotzdem empfehle sie mir aber, das nächste Mal wieder Zitronensaft zu nehmen, der pflege die Haut einfach hervorragend! So  müsste wohl das Leben der Frauen in einem Harem früher gewesen sein, dachte ich!

Faiza erzählte eines Abends, dass sie glaube, den Deutschen, den sie heiraten werde, vor kurzem schon getroffen  zu haben. Die Musliminnen schwärmten nun von den freundlichen, höflichen, romantischen und treuen Deutschen! Schöner als die meisten Deutschen seien aber schon arabische Männer, sagte die Schwester des Ex-Mannes: „Abgesehen von deinem Bruder“, lachte Faiza.

Die Männer im Haus: Die Hellen und die Dunklen, die Freundlichen und die Zurückhaltenden, die Schönen und die weniger Schönen: Ich fand, ein besonders hübscher sei im Moment ein Syrer: Er war groß, schlank, ernst und auf sehr zurückhaltende Art höflich und immer hilfsbereit. Er hatte ein ebenmäßig Gesicht und eine für einen Araber recht zierliche Nase, dichtes schwarzes Haar, einen kurzen Vollbart und natürlich dunkle Augen. Er war immer auffällig korrekt, ja elegant gekleidet. Niemals sah man ihn etwa wie die anderen Studenten in Jeans. Manchmal huschte er mit einem kleinen runden Käppi auf dem Kopf und einem kleinen zusammengerollten Teppich unter dem Arm durch den Gang: „Der hält die Gebetszeiten strikt ein“, sagte Faiza, die das nicht tat, “und will seinen deutschen Zimmergenossen nicht stören und geht in einen freien Raum.“

Aber, meinte sie bald, man müsse mit ihm sehr vorsichtig sein!

Warum? Noch niemals hatte er unser Zimmer betreten. Er kam auch zum Essen nicht in unser Zimmer. Wenn er gelegentlich anklopfte, blieb er im Türrahmen stehen, um uns etwa zum „Islam-Kleinkreis“, einer Veranstaltung (zum Thema „Islam“) im Hause einzuladen oder mir eine Briefmarke (ich sammelte damals wie er) zu verehren. Also, wovor sollte man aufpassen?

Er stamme aus einer reichen und vornehmen Familie aus Damaskus, hieß es, und sei (schon) Echwan, Bruder, d.h. er habe schon die Hadsch, die Pilgerreise, nach Mekka gemacht. Er sei nicht nur überaus fromm, sondern geradezu fanatisch. Und gerade deswegen müsse man vor ihm auf der Hut sein, sagte meine Freundin!

Weißt du nicht, warum er unser Zimmer nie betritt? Er wird nie das Zimmer einer Frau betreten. Er wird dir nach Möglichkeit nicht die Hand geben, höchstens die Linke: Die ist für  unreine Dinge vorgesehen!

 

 Eigenartig war aber , dass Echwan, wie ich ihn nun nennen werde, mit Faiza freundlichen Kontakt hielt, obwohl sie zum Beispiel in Diskussionen heftig für eine moderne Interpretation des Koran eintrat und für sich Gleichberechtigung forderte, ja behauptete, es gäbe eine Unterdrückung der Frau in Islamischen Ländern. Und das sei ein soziales Problem und nicht mit dem Koran zu rechtfertigen . Echwan wiederum behauptete, dass es eine Unterdrückung der Frau gar nicht gebe, im Gegenteil, jede Verhaltensregel betone die große Ehrerbietung und den Schutz, den die islamische Kultur den Frauen gebe. Meine arabische Freundin zuckte die Achseln, hob stolz den Kopf und zeigte ihr Nofreteteprofil.

Wir gingen auch einmal in den Islam-Kleinkreis, der am Donnerstagabend im Heim stattfand. Aber Faiza war wohl nur einmal dabei. Ich wollte mich weiter informieren, da ich nun ja mit einer Muslimin zusammenwohnte. So kaufte ich den Koran, las die Suren, die auf  Arabisch rezitiert wurden, auf Deutsch, hörte Erklärungen an, die Echwan und andere dazu abgaben. Ich fand es schön, wie Echwan mit seiner sanften Stimme die Suren las und nicht so laut wie andere Koranleser eiferte. Aber er versuchte uns Christen durchaus zu missionieren, indem er  etwa die 5. Sure vorlas, wo es heißt, dass einem Rechtgläubigen die Freundschaft mit Juden und Christen verboten sei. Wir sollten also Muslim oder Muslima werden.

Schon ein paar Mal waren zwei deutschen jungen Frauen in dunklen Mänteln und Jacken und mit dunklem Kopftuch dagewesen. Sie eiferten ganz besonders auf uns ein: Wir sollten- wie sie - endlich der westlichen Unmoral abschwören und zum Islam übertreten, um so glücklich zu werden wie sie. Sie redeten davon, wie sehr sie von ihren arabischen Freunden geachtet und geehrt würden, mehr als es je deutsche Männer könnten. Wie sie ihre Schönheit für ihren Mann versteckten, die nur für ihn allein existiere. Wie sehr ihnen das Kopftuch Schutz vor allen gierigen und obszönen Blicken gäbe. Wie viel Würde ihnen zugewachsen sei usw. Als jemand meinte, Haar sei doch zunächst nichts Aufreizendes, bekamen wir einen Vortrag über die Bedeutung des Haares bei der Verführung von Männern und über die mit Sexualität verbundene Symbolik des Haares und Passagen aus dem Koran, die das Haar der Frau priesen, vorgetragen.

Als ich Faiza davon berichtete, wurde sie sehr ärgerlich. Von den beiden Deutschen meinte sie „Die verwechseln auch Religion mit Mythologie. Und“, sagte sie, ,, die beiden reden nur so viel von ihrer Schönheit, weil sie so hässlich sind und froh sind, nun nicht mehr gesehen zu werden: Ich kenne sie! Aber eins stimmt: Verschleierte Frauen schauen zunächst auf den ersten Blick alle gleich aus und kein Mann kann mit einer besonders schönen Trophäe in der Öffentlichkeit so reüssieren, wie es die deutschen Männer machen! Das Verschleiern hat also auch ein gerechtes und egalisierendes Moment. Aber ich glaube, auch in islamischen Ländern sind die Zeiten der Verschleierung bald vorbei, wenn sich die sozialen Verhältnisse bessern!!“ Und wir waren uns einig, dass vielen Sitten, ja vielen Konflikten in der Welt wie zum Beispiel auch den Rassenproblemen in den USA, in Wahrheit verschleierte soziale Probleme zugrunde liegen. Nur die Mitglieder von Oberschichten leben sozusagen in Freiheit auch von Sitten ihrer Völker!

Hatte ich nicht im katholischen Niederbayern erlebt, dass die älteren Frauen mit Kopftuch in den Dörfern in die Kirche gehen, während die Männer den Hut vor Betreten des Gotteshauses abnehmen? „Na also“, sagte Faiza; Sitten seien das, die sich vor allem in Gebieten mit wüstenhaftem Klima verstärkt haben, wo der Schutz der Haut vor der brennenden Sonne gerade für Frauen nötiger sei als bei uns. Und Sitten können sich ändern, wenn sie überflüssig werden. Und “Hast du dich nicht gegen den Vorwurf der „Unmoral“ gewehrt?“ Wo denn Unmoral hier im Hause zu erleben sei? Wie viel Toleranz hier gelebt würde! Zum Beispiel könnten ungestört Echwan und seine Freunde ihre Religion in diesem Haus ausüben und verkünden! Ob ich etwa gehört habe, dass Echwan und seine Freunde am Bibelkreis am Dienstag teilnehmen, um sich über die christliche Religion der Menschen, deren Gastfreundschaft sie genössen, zuverlässig zu informieren?

Oft diskutierten wir politische Ereignisse: Ein demokratisch gewählter afrikanischer Präsident war grausam ermordet worden. Die Afrikaner im Haus vermuteten die USA hinter der Tat, denn der Präsident war ein „Linker“ gewesen. Ein Demonstrationszug wurde organisiert. O. , der Nigerianer  forderte uns zur Teilnahme auf. Strikte Ablehnung von Faiza! Er ließ nicht gleich locker, er wollte ihre Solidarität einfordern und sagte schließlich: „Du bist doch auch eine Afrikanerin!“ Da reckte sie ihren Kopf hoch auf und rief: „In erster Linie bin ich Pharaonin!“ Er drehte sich auf der Stelle um und ging wie ein Geschlagener.

Nun ging ein Gerücht im Heim um: Ein Student aus Israel werde in München studieren und in unserem Haus wohnen. Er sei einer der ersten, der nach 1945 wieder in Deutschland studieren werde. Freude und Neugier, aber auch eine gewisse Bangigkeit bewegte uns: Wie sollten wir mit ihm umgehen, wie könnten wir auf ihn zugehen? Wie würde er mit uns umgehen? Da gab es im Haus das nächste Gerücht: Echwan und seine Freunde seien zur Heimleitung gegangen, um höflich zu bitten, diese Entscheidung zurückzunehmen. Es sei für Araber unerträglich, mit einem Zionisten unter einem Dach zu leben. Man könne nicht für seine Sicherheit garantieren. Reden wurden geschwungen, derart: So wie man die Juden in Palästina eines Tages ins Meer treiben würde, würde man diesen Juden bei einer Begegnung auf der Treppe in den Kellerschacht hinabstoßen! Jemand schimpfte so in unserem Zimmer: Da setzte sich meine arabische Freundin kerzengerade hin und sagte mit scharfer Stimme ein paar Sätze. Heftige Gegenreaktion. Sie antwortete mit schneidender Stimme. Da ging der Mensch aus dem Zimmer. Faiza sagte mir später, er habe so halb im Umdrehen noch gesagt: Wenn der Jude mir auf der Treppe begegnet, werde ich ihn wenigstens anspucken. Auch dies geschah nicht –  der Israeli zog ein, die Araber vermieden es zunächst, ihm zu begegnen; mancher rannte sogar zurück, wenn er die Treppe heraufkam oder machten einen möglichst großen Bogen um ihn herum, wenn sich die Begegnung nicht vermeiden ließ.

Dann zerfiel ihre Einheit: Beim gemeinsamen Frühstück, das wir in der Kellerbar einnahmen, saß bald der eine oder andere neben dem Israeli und das Gespräch begann. Bald hieß es, der könne schließlich nichts dafür, dass er in Israel habe aufwachsen müssen, schließlich sei er der Herkunft nach ein Deutscher. Und schließlich habe er Palästina ja auch verlassen. Der werde sicher hier bleiben, so deutsch wie der sei! Außerdem seien wir Deutsche für das Unglück der Palästinenser mit verantwortlich. Es sei gut, dass wir anfingen, die Juden zurückzuholen usw. Faiza reagierte auch auf solche Reden scharf. Sie, die von den arabischen Studenten respektiert und bewundert wurde, setzte sich schließlich durch: Über heftigen Diskussionen mit dem Israeli entstanden Freundschaften, die bis heute andauern. Oft war auch er nun Gast bei Faizas Festmählern. Allerdings blieben Echwan und seine Freunde auf Distanz, ließen Faiza und ihre Freunde aber in Ruhe.

Eines Tages eilt ein großer rothaariger, junger Mann die Treppe hinunter, um nie mehr wieder aufzutauchen. Es ist ein anderer Israeli, der schon paar Mal den Kontakt zu Faiza gesucht hatte. Sie hat ihn empört verjagt: Er war – wie sie sagte - mit einem Angebot des israelischen Geheimdienstes gekommen: Sie solle für Spionagedienste unter bestimmten arabischen Studenten ein Stipendium für ein Studienjahr an einer italienischen Universität bekommen.

Es kam Ramadan, der Fastenmonat: Echwan erschien an der Tür und bat Faiza, das Festmahl zum Ende der Fastenzeit für alle Muslime des Hauses zuzubereiten. Ich könne dabei helfen und nach Sonnenuntergang mitessen, gestand er mir zu.

Mit Riesenenergie übernahm sie diese Aufgabe! Den Speiseplan besprach sie mit Echwan. Sie zu mir : Er möchte ganz sicher sein, dass kein Schweinefleisch eingekauft wird! Ein frommer Muslim darf doch kein Schweinefleisch essen, das ist ein unreines Tier. Wer gegen diese Essensvorschrift verstößt, kommt, so glauben ganz Fromme wie er, in die Hölle.

Abends redeten wir wie oft in die Dunkelheit hinein. Sie lachte: „Wenn ich es nur fertig brächte! Was? Ihn in die Hölle zu bringen, ohne dass er es weiß! Ich weiß, es wäre ein blöder Spaß .Wir könnten doch  ihm und seinen frommen Freunden mit den Hackbällchen Schweinefleisch unterjubeln. Er isst gerne scharf und wir könnten das Fleisch so stark würzen, dass niemand das Schweinefleisch herausschmecken kann.“ Faiza sagte: „Dumm ist nur, dass ich ja nach seiner Logik nun auch in der Hölle landen werde!“ Wir lachten herzlich darüber !

 

An diese Szene hätte ich  wohl nie mehr gedacht, wäre nicht Jahrzehnte später der 11.September geschehen: In den Tagen danach geriet Echwan,(von dem schon seit Jahren das Gerücht ging, er sei (als Banker) in internationale Waffengeschäfte verwickelt), in den Verdacht, einer der Financiers von Al Quaida und des Anschlags auf das World Trade Center zu sein. Sein Vermögen in Europa (der Schweiz, wo er zuletzt residiert hatte,) wurde eingefroren. Ihm war jedoch nichts nachzuweisen. (Nach Kenntnis eines anderen Syrers im Heim gehörte ‚Echwan‘ der Moslemischen Bruderschaft an. / gegoogelt: Nach seiner Zeit im Ökheim war er ca. 15 Jahre lang Leiter der Moschee in München-Freimann bis zum 11. September 2001. Sein Schwiegersohn leitet ein islamisches Zentrum in NRW (?).)

 Wie hatte Faiza einmal über ihn  gesagt? “Der ist gefährlich, weil er das Charisma hat, andere so stark an sich zu binden, dass sie das ausführen, was er geplant hat, aber selbst niemals tun würde.“ Damals ging es um den Verdacht , dass er einen Freund bei anderen die Schränke kontrollieren ließ , weil sie eventuell Alkohol darin versteckt haben könnten.

 

Eines Tages kam ich von einer Vorlesung nach Hause, wollte an der Pforte vorbei gehen, wo Echwan gerade „Pfortendienst“ hatte. Er rief mich zum Telefon, weil soeben ein Anruf für mich gekommen sei. Ein paar Sekunden später sagte mir ein fremder Mensch, dass mein Vater verstorben sei. Große Schwäche knickte meine Knie ein: Echwan half mir, bis ich mit dem Zug meine traurige Reise Nachhause antreten konnte.

Als ich zurückkehrte, war für mich alles anders. Die vielen Besuche, die ja meist nicht mir galten, wurden mir lästig. Ich hatte das wachsende Bedürfnis, allein zu sein. Die Freundschaft Faizas für mich rührte mich, aber sie wurde mir auch zu viel. Ich spürte die Pflicht, nun zügiger als bisher mein Studium durchzuziehen. Mein Vater hatte gesagt, er gäbe mir ein Jahr Zeit, um in Vorlesungen aller möglicher Fächer zu gehen, und um das studentische Leben  zu genießen, aber dann solle ich mich ernsthaft an die Arbeit machen. Ich war schon im vierten Semester, ich musste anfangen ernsthaft zu studieren.

Ich zog mich innerlich und äußerlich zurück. Eines Nachts, ich grübelte schlaflos herum, merkte Faiza das wohl, kam zu mir, setzte sich an mein Bett und fragte, was mit mir los sei. Ich versuchte mich zu erklären: Mein Vater, meine Mutter, die jüngeren Geschwister, das Studium, mein Bedürfnis nach Alleinsein! Und dann sagte ich einen Satz der Art, dass sie so viel Glück habe und ich gerade unglücklich sei, und das passe nicht zusammen.

Da antwortete sie:„Mit mir und dem Glück ist das so: Es kommt immer wieder mal bei mir vorbei und sagt: Hallo Faiza, schau mich an, ich bin dein Glück! Aber wenn ich es dann anschaue, lacht es spöttisch auf: Adieu Faiza, das war’s für heute, und geht wieder weg!“

Als für mich die Gelegenheit kam, ein Einzelzimmer zu beziehen, tat ich es. Ich glaube, Faiza hat es mir nie ganz verziehen, dass ich ging. Als ich meine Taschen packte, sagte sie traurig. „Na siehst du, so geht das Glück mit mir um!!

Viel später sagte mir ihr Mann, dass er mich verstehen konnte. Seit er mit Faiza zusammen sei, werde er selber nur noch als „der Mann  von Faiza“ wahrgenommen.

Aber auch für Faiza änderte sich nun vieles: Sie hatte also tatsächlich ihren deutschen Freund gefunden. Glücklich berichtete sie davon. Ein paar Jahre später heirateten die beiden.

Ich beendete mein Studium und fand meinen ersten Arbeitsplatz in einer anderen Stadt. Ich hörte nur noch selten von Faiza und all den anderen Jugendfreunden, die mit mir den utopischen Ort der Toleranz bewohnt hatten.

Fast zwanzig Jahre später fand im Studentenheim ein Treffen der ehemaligen Bewohner statt. Wie viele und wer würde dabei sein? Voller Vorfreude war ich hingegangen. Ich hatte meine kleine Tochter mitgenommen!

Bald saßen Faiza und ich zusammen, während unsere Kinder sich gleich befreundeten und vergnügt miteinander spielten.

Faiza sieht müde aus, sie und auch ihr Mann wirken bedrückt. Dann erzählt sie: „Das Glück war jetzt viele Jahre bei mir. Aber jetzt hat es endgültig Ätsch, Adieu gesagt!!“ Sie war wenige Tage zuvor beim Arzt gewesen: Einige Untersuchungen, dann das Urteil: Krebs im  fortgeschrittenen Stadium. Heilungschancen? Keine mehr! Wieviel Zeit noch? Der Arzt: “Sie sind eine starke Frau! Ich sage Ihnen, wie es ist: Das nächste Jahr werden Sie nicht mehr erleben!“ Faiza wurde schrecklich wütend über dieses Urteil und die unsanfte Art der Mitteilung. Ihr Kampfgeist erwachte: Sie wettete mit dem Arzt, dass sie das Neue Jahr noch erleben und ihren Geburtstag im Januar noch feiern werde! Und nun sagt sie“ Ich werde alles tun, um meine Wette zu gewinnen!“

 

Faiza hat ihre Wette gewonnen! Aber Ende Januar des darauffolgenden Jahres starb sie.

Es war die erste Beerdigung nach islamischem Ritus, die ich in München erlebte. Ich habe nur noch einige Gedächtnisbilder im Kopf . Aber¨ Neben einem arabischen Freund Mahmoud  steht der israelische Freund aus den Studentenheimtagen. Der Sarg/ der Leichnam, nur in ein Bettlaken gehüllt, von Männern ins Freie getragen, wird in Richtung Mekka abgestellt. Die Rede des Iman, die Stimme M’s, in München  seinen letzten Weg gehen zu müssen. Sein Wunsch wird es sein, dass bei der Beerdigung der Name Allahs oder Gottes nicht erwähnt wird. Es gibt keinen Iman und keine fromme Rede, stattdessen werden von Juden, Christen und Muslimen Gedichte vorgetragen, die uns zutiefst berühren).

Dann bin ich noch einmal Gast in Faizas Zuhause: Das Wohnzimmer ist arabisch eingerichtet: Wir sitzen auf Polstern, die die vier Wände umlaufen, vor uns kleine Tische, auf denen in Schalen Kekse, Nüsse, Oliven, Früchte liegen, so wie sie es selbst noch geplant hatte! Die beiden Kinder waren da : für sie hatte die Mutter noch in den letzten Wochen vorausgesorgt , ein Aupair-Mädchen gesucht , Kleidungsvorräte gekauft…   

 

Gegenwärtig , wo so viel von Feindschaft der Kulturen, vom Krieg zwischen Juden, Moslems und Christen und vom islamischen Terror die Rede ist, erinnere ich an die schöne, kluge und mutige arabische Freundin und die von uns damals gelebte Utopie. Was würde sie heute denken und sprechen?

 

Gehen

 

Wir kommen

Um zu gehen.

 

Kaum, dass wir stehn,

wollen wir gehn.

 

Sie nehmen uns

an der Hand

und gehen neben  uns her.

 

Dann gehen sie voraus.

 

Wir gehen.

Wir gehen:

 

Wir gehen allein,

wir gehen zu zwein.

 

Manchmal gehen wir aufeinander zu.

Manchmal gehen wir aneinander vorbei.

 

Manchmal bleibt jemand bei uns stehn,

Um wieder zu gehn.

 

Weitergehen!

Weitergehen!

 

Wohin aber gehen wir,

wenn wir gehen?

                                                                (Gertraud Matweber)

 

 

 

 

 

Axel Ließ

Als ich 1961 in das Ökheim einzog – neu an der TH, noch nicht ganz erwachsen – war Axel schon da. Ob er mit mir zusammen einzog oder schon im Semester zuvor da war, habe ich nie hinterfragt.

Er studierte Feinmechanik und Optik und schuf sich oft neben seinem Studium genügend Raum für naturnahe Freizeitaktivitäten, zum Beispiel Wildwasserpaddeln.

Auch mein Studium war in dieser Zeit von freizeitorientierter Schonhaltung geprägt. Nachdem wir beide je ein „Zweier“-Faltboot hatten, verabredeten wir uns hin und wieder zum Paddeln. Die Boote wurden auf Axels R16 geschnallt und wir fuhren im Konvoi zum Endpunkt der Paddelstrecke, wo mein Auto stehen blieb und dann in seinem Auto zum Start.

Meist wurde es dann mit den normalen Verzögerungen durch technische Pannen, Einfangen verlorener Paddel, Pause auf einer Geröllinsel im Fluss und verspätetem Aufbruch so spät, dass wir beim Aufpacken der Boote für die Heimreise Axels Taschenlampe brauchten.

Er hatte immer alles mit, was praktisch ist. Nie gab es einen Spaziergang, an dem er nicht eine Plastiktüte dabei hatte, um Pilze oder Steine einzusammeln, immer hatte er ein Schweizer Taschenmesser mit gefühlten 50 Funktionen, im Sommer und Herbst hatte er immer Blumensamen in der Jackentasche, die er während seiner Spaziergänge ausstreute. Besonders in Erinnerung habe ich seine Zuckerdose fürs Reisen, die er mit Ameisen in Originalgröße bemalt hatte. Die begleitete uns auch auf unseren Tagesausflügen mit dem Boot.

Meist verabredeten wir uns um 9 Uhr, um zu Paddeltouren aufzubrechen. Eigentlich unvertretbar früh, auch Vorlesungen um diese Zeit (genannt: Mitternachtsvorlesungen) waren sehr unbeliebt und fielen häufig aus. Aber wir wollten ja abends nicht in die Dunkelheit kommen…

Einer kam natürlich immer zu spät, 1 Stunde war es meist, das war Axel. Immer! Da wir damals ja noch jung und lernfähig waren, verabredeten wir, Axel zu erzählen, dass wir um 8 Uhr starten. Wir anderen – ich erinnere mich im Zusammenhang mit dem Paddeln noch an Irmhild Hartig, Volker Heidrich und Jutta Angermeier, – würden aber erst um 9Uhr kommen, dann geht es ja gerade auf. Wer an diesem Komplott beteiligt war, weiß ich aber nicht mehr.

Nie werde ich erfahren, ob wir verraten wurden, oder ob es auf Axels Intuition zurückzuführen war, dass er uns am nächsten Morgen um 9 etwas strafend mit der Bemerkung empfing, dass er schon seit 1 Stunde wartete! Wir haben das nie wieder ausprobiert, seine Pünktlichkeit bei unseren späteren Verabredungen wurde aber auch etwas besser.

                                                                                                                                                              „Carlo“ von Engel

 

 

 

Fast wären wir Filmstars geworden!

 (Geschichten aus Urök-Zeiten Sommer 1962 -  Thea Derado)

Aufgeregt gackerte alles auf den Gängen und im Treppenhaus durcheinander. „Unten am Schwarzen Brett hängt eine Liste. Für morgen Vormittag werden Statisten gesucht. Wer sich rasch einträgt ist dabei. Hausvater Holger Kaliebe, angehender Jurist, hat es schon abgesegnet: Da der Anruf an uns ergangen ist, dürfen sich die Leute aus dem Schollheim allenfalls auf einer Ersatzliste eintragen.“

An diesem verregneten Sonnabend Nachmittag hatte sich diese seltene Gelegenheit, das Taschengeld aufzubessern, in Windeseile im ganzen kurzen Steinickeweg rumgesprochen.

Immer zwei Stufen auf einmal, hüpften die Mädchen vom dritten und vierten, die Jungs vom zweiten und ersten Stock ins Erdgeschoss, um ja noch einen günstigen Listenplatz zu erwischen. Um den Pfortendienst, Günther Thiele, stand schon eine dicke Traube. Das war wohl seit langem sein wichtigster Tag. So viele hübsche Mädchen hingen an seinen Lippen! Günther war es, der bei einer Vorstellung der neuen Heimbewohner dereinst laut verkündete: „Mid dähn Berlinern simmer schon 25 Sachsen!“ Das hatte ihn bei den Berlinern ungemein beliebt gemacht! Nun war seine Chance gekommen, alles wieder auszubügeln. Er hatte den Anruf entgegen genommen, der die Pforten zum Filmhimmel öffnen würde!

Missmutig hatte Günther den Hörer abgenommen, war aber sogleich elektrisiert, hellwach und höflich, als er hörte, dass die Bavaria-Filmstudios für den nächsten Morgen 10 Uhr etwa 40 Statisten auf dem Königsplatz benötigten. 50 Mark sollte es für jeden geben. Etwa so viel wie ein Bett im Doppelzimmer monatlich kostete. Also viel.

 

 

Das Ganze war gar nicht so außergewöhnlich, hatten doch in letzter Zeit schon mehrere aus dem Ökheim als Statisten in Filmen mitgewirkt. Zuletzt Roland und andere nett anzuschauende Burschen. 

 

Am späten Abend in der Kellerbar gab es nur das eine Thema: der nächste Morgen. Hoffentlich regnet es nicht! Man wollte sich doch einigermaßen vorteilhaft kleiden. Ach, war das alles aufregend!

 „Hast du gesehen. Karla war extra beim Friseur! Wahrscheinlich hofft sie, dass sie morgen entdeckt wird!“ Was von Karla leicht errötend vehement bestritten wurde.

„Die Eine hat’s, die Andere hat’s nötig“, wurde getuschelt.

Nicht wenige Jungs waren an diesem Abend recht großzügig in ihrem Alkoholkonsum und versoffen bereits fröhlich die in Aussicht stehende Gage. 

Zu später Stunde huschte Krümel, mit bürgerlichem Namen Brigitte, ins Zimmer der Stockwerkseniorin. „Du, ich muss dir was beichten. Aber versprich, dass du es niemandem weitersagst!“

Ein Blick auf die Uhr. „Hast du noch Herrenbesuch auf dem Zimmer und weißt nicht, wie du ihn unsichtbar durchs Treppenhaus schmuggeln kannst?“ Ab 22 Uhr musste ja der Anstand gewahrt werden. Der Kuppelei-Paragraphen!  

  1. „Nein“, wiegelte Brigitte ab, „viel schlimmer!“

Gab es noch Schlimmeres?  

„Heute Nachmittag war ich bei meiner Freundin. Bei diesem Wetter wussten wir nicht so recht, was anzufangen. Aus lauter langer Weile hab ich mal hier angerufen. Der Thiele hatte Pfortendienst und meldete sich auch so mährmusig. (Brigitte war auch aus Sachsen.) Ich weiß auch nicht,  aber seine trantudige Art hat mich gereizt, und ich sagte: Hier spricht Ruth Maria Kubitschek von Bavaria-Film. Das war der einzige Name, der mir gerade einfiel. Du, man hörte richtig am Telefon, wie Thiele plötzlich Haltung annahm. Der überschlug sich vor lauter Dienstfertigkeit. Fast hätte ich laut gelacht. Aber dann sagte ich, ich würde Statisten suchen für den nächsten Vormittag. So ein Blödsinn, die Kubitschek hat damit überhaupt nichts zu tun. Ich dachte, das würde der nie ernst nehmen. Aber er fragte ganz beflissen, was man anziehen solle. Ich antwortete, es wäre eine normale Straßenszene. ‚Also Alltagskleidung‘, meinte er. Jaja, Alltagskleidung. – Und als ich vorhin heim kam und unten die Liste sah, und Kaliebes juristische Absegnung, und wie sie alle aufgeregt sind, da wurde mir ganz anders. Die bringen mich um, wenn das raus kommt! Sag bloß keinem, dass ich dahinter stecke! Aber ich drohte daran zu ersticken, ich musste es unbedingt loswerden!“

Die beiden steckten sich noch einen Glimmstängel hinter die Kiemen, berieten und kamen zu dem Schluss, alles so laufen zu lassen. Vielleicht tat sich ja bis morgen die Erde auf, und nichts würde auffliegen.

Die Erde tat sich nicht auf. Viertel vor Zehn zog eine festlich gekleidete Schar heiterer Ökumenen in Erwartung cineastischen Ruhms vom Steinickeweg zum Königsplatz. Der lag in sonntäglicher Ruhe. Kein Kamerateam weit und breit, kein Übertragungswagen. Ja, nicht einmal Spaziergänger.

Günther Thiele wurde wiederum bestürmt, diesmal aber in harschem Ton: Ob er sich im Ort getäuscht hätte? Im Tag? Was hat sie denn genau gesagt? „Hast du dir eine Telefonnummer geben lassen?“ „Ja, die habe ich.“ Er zog einen Zettel aus der Hosentasche und flitzte zur nächsten Telefonzelle.

Wie ein begossener Pudel kam er zurückgeschlichen. Das wären Leute, die gar nichts mit dem Film zu tun hätten.

Thea schielte zu Krümel. Die flüsterte ihr zu, sie habe auf seine Frage rasch eine beliebige Nummer erfunden.

Nun musste er sich aber tüchtig gegen die vielen Regenschirme wehren, die drohend über seinem Haupte geschwungen wurden. Allmählich sahen alle ein, dass das Ganze wohl ein Streich war.

Aber wenn sie nun schon mal beisammen waren, nutzten sie die seltene Gelegenheit und stellten sich auf die Stufen der Glyptothek zum einzigen großen Gruppenfoto aus urökumenischen Tagen. Ein nettes Erinnerungsfoto kurz vor Semester-Ende, dem Termin des unfreiwilligen Auszugs aus dem Heim für die der Erstbelegung.   

Für Brigitte hatte es noch ein feuchtes Nachspiel. Vermutlich fand sie die Dramaturgie dieses Tages so gelungen, dass sie sich zu diesem Schabernack bekannte.

Als sie bereits im Bett lag, – Hausordnung hin, Hausordnung her - drangen kräftige Burschen in ihr Zimmer, hoben sie aus dem Bett und warfen sie samt Klamotten in die gefüllte Badewanne.

Vielleicht, um sie von ihren Sünden rein zu waschen?

 

 

 

Erinnerungen an den Sommer 1962: (Wer kann mir sagen, wer der Verfasser W. Th. Ist?

Antwort bitte an thea.derado@t-link.de )

Schwabinger Somernachtstraum

Ach, was muss man doch von bösen

Menschen hören oder lesen,

die, statt nachts im Bett zu liegen,

sich in Schwabing laut vergnügen

und, es ist ja kaum zu glauben,

anderen die Ruhe rauben,

weil im Freien sie, die Schlechten,

gern Gitarre spielen möchten.

Doch man ruft auf die bekannte

Art gleich nach der Polizei,

weil dies eine eklatante

Ruhestörung sei.

 

Und die Polizei, die schnelle,

ist auch allsobald zu Stelle,

um die, ach so unbequemen

Musikanten festzunehmen.

Dieses ärgert nun dies Menge,

Und ganz plötzlich im Gedränge

Sieht  man, wie dem Streifenwagen,

der dort auf der Straße steht,

hinterwärts die Luft ausgeht.

 

Keine irdischen Gewalten

Können jetzt die Polizei noch halten:

Vierzehn Streifenwagen rasen

Mit Geheule durch die Straßen

Hin zu Schwabings Kriegsschauplatz.

Dort beginnt die große Hatz:

Gummiknüppel sausen nieder

Auf die Leute immer wieder,

Alt und Jung, Arm und Reich,

vor der Justiz sind alle gleich.

Männlein, Weiblein, Kinder, Greise,

jeder kriegt auf seine Weise

ausgeteilt mit Lust und Liebe,

mit dem Knüppel seine Hiebe,

was sich nicht vermeiden lässt

bei dem Polizeisportfest.

Schließlich kommt noch eins, zwei, drei

Die beritt‘ne Polizei,

um das Chaos vollzumachen.

Ach, es wäre fast zum Lachen,

wenn es nicht so traurig wär,

anzusehen, wie das Heer

von Polizisten ungeniert

seine Ehre ruiniert.

 

Und so wundert es auch keinen,

wenn noch in der vierten Nacht

nach der ersten großen Schlacht

Münchens Rowdys unverhohlen

In den Straßen Schwabings johlen:

„Ach, was ist es ein Vergnügen,

wenn durch warme Sommernächte

harte Gummiknüppel fliegen

auf Gerecht und Ungerechte!“

 

Deshalb muss ich allen raten:

Meidet solche bösen Taten,

leistet tapfer den Verzicht,

naht euch abends Schwabing nicht;

denn man hat in diesem Land

den Gummiknüppel schnell zur Hand!

 

Jutta, glaube ich, war es, brachte dieses Gedicht von einem nächtlichen Schwabing-Spaziergang mit. Sie hatte wohl dabei auch bisschen Haue bezogen. Alles, was sie erzählte von den heißen Sommernächten im Juni 1962 machte neugierig. Mir kribbelte es heftig in den Fußsohlen, zu gerne hätte ich mir dieses Spektakel angesehen. So nach der Devise „und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen.“

George, mit dem ich damals intensiver befreundet war, schüttelte den Kopf und meinte: „Wenn man weiß, dass es Dresche gibt, und trotzdem freiwillig dorthin geht, da muss man schon ganz schön dumm sein!“

Und? Will jemand seine Dummheit so locker beweisen?

 

 

Zum 35-jährigen Ökheim-Jubiläum 

(Text: Willu Richter; nach der Melodie „Aber der Novak …“)

 

Es war einmal vor fünfunddreißig Jahren,

da kamen viele einzeln, nicht in Paaren!

Und wollten in dem roten Hause wohnen,

sie meinten: Ach, das könnte sich schon lohnen!

Die Menschen kamen aus aller Herren Länder.

Der Andrang wurde zusehends horrender!

Die Preise waren auch noch angemessen.

Und unsere Thea lässt’s uns nicht vergessen

 

Die Thea, die war uns’re Stockwerkmutter.

Sie half uns allen aus, auch mal mit Butter!

Sie wusste gut Bescheid in allen Dingen

Und konnte obendrein auch noch schön singen!

Die Männer klebten an ihr wie die Fliegen –

Doch wollte sie partout den Ivo kriegen

Mit allen Mitteln, bieder und auch kessen.

Ach, unsere Thea woll’n wir nicht vergessen!

 

Der Géza kochte ungarische Speisen.

Pompeo gab Spaghetti uns zu beißen.

Wir hielten inne in zweihundertdreizehn:

Wo stets was los ist, kann man nicht vorbeigeh’n.

Im Faschin tanzten alte Tanten Tango,

Wir brauchten damals sicher noch kein Fango!

Wir waren ausgelassen, fast besessen:

Und unsere Thea lässt’s uns nicht vergessen!

 

Ein Ruf erschallt: Wer geht mit ins Rialto?

Der Heino hatte damals schon ein Auto.

Oft sind wir raus zum Baggersee gefahren –

Der Mond schien helle, nicht nur für „die Klaren“!

Bis Sonnenaufgang ging so manche Feier.

Zum Frühstück gab’s dann feine Spiegeleier.

Im Schlosspark wollten wir die Kräfte messen:

Aber die Thea woll’n wir nicht vergessen!

 

Wir waren keine einflussreichen Leute,

doch hatten wir viel Spaß, weil es uns freute!

Des Abends traf man sich unten beim Tanzen;

Zuweilen gab es auch Extravaganzen!

Brigitte schickte uns zum Königsplatze –

Es kamen alle mit und ohne Glatze.

Der Film, der sei auf uns ja ganz versessen!

Ja, unsere Thea lässt’s uns nicht vergessen!