Inländer-Ausländer

Beitrag zur ausufernden Diskussion über In- und Ausländer! laugh

 

Besuch der Väter

Gedenkend meiner Ahnen, mutmaßte ich oft stumm:

Sie lagen als Germanen auf Bärenhäuten rum.

Sich zankend, sich versöhnend bei Met und Pflaumenmus -

Ob kimbernd, ob teutönend: urdeutsch von Kopf bis Fuß.

 

Zwar weiß ich nicht zu sagen, was mich daran verdross:

Darf man sich denn beklagen als solcher Väter Spross?

Doch glaube ich im Stillen: just dieser Herkunftsfakt

War mir beim besten Willen recht peinlich und vertrackt.

 

Wohl um mich zu ermahnen, dass ich sie höher acht,

erschienen mir die Ahnen im Traum der letzten Nacht:

rund hundert Kerls aus Zeiten, die längst Vergangenheit;

doch sah ich aller Seiten Familienähnlichkeit.

 

Da standen sie, die Väter, unleugbar mir verwandt

(ob früher oder später ins Leben jeder fand),

die meisten blond und bärtig, verfressen, stur und laut

wie ich, der gegenwärtig am Dasein sich erbaut.

 

Doch zwischen all den Recken – germanisch bis zum Graus –

konnt‘ ich ein paar entdecken, sie sahn ganz anders aus:

Nicht kimbrisch, nicht teutonisch – und nicht mal markomann.

Sie grienten so ironisch, wie’s kein Germane kann.

 

Ein flinker Römerkrieger erklärte sich mir froh

Als Urahnins Besieger im Jahre nullnullzwo.

Was mich nur kurz verletzte, eh‘ ich ihn anerkannt:

Der, dem er Hörner setzte, bin ich ja nicht verwandt!

 

Wohl aber jenem Hunnen aus Etzels wilder Schar,

der bei der Rast am Brunnen mein Ahn geworden war.

Von ihm muss unsrer Sippe trotz Weiterritts zum Rhein

Die schwere Unterlippe als Pfand geblieben sein.

 

Ein wandernder Nomade ließ uns das krumme Haar,

das später mit Pomade nicht glatt zu kriegen war.

Ein Türke, um zwölfhundert vom Kreuzzug mitgebracht,

hat, was kaum verwundert, den fernen Blick vermacht.

 

Ein Musikant aus Mähren, ein Seemann aus Shanghai,

drei Fischer von der Schären war’n außerdem dabei.

Und Russen auch und Briten, je später desto mehr –

Moderne Zeiten bieten halt rascheren Verkehr!

 

Und frohen Sinns gedachte der Stammesmütter ich:

Die deutsche Treue machte sie gar nicht zimperlich.

Ihr Herz stand immer offen, wem ihre Liebe galt,

wenn ihre Alten soffen im Teutoburger Wald!

 

Doch sagten auch die Ahnen – die anfangs mir zum Graus

fast Bilderbuchgermanen – mit leisem Lächeln aus,

dass sie, in fernsten Zonen, vom ‚Schicksal hingehetzt,

auch Kimbern und Teutonen in unsre Welt gesetzt!

 

Kurz, aus der Väter Runde erwuchs mir klipp und klar

Die schönste Völkerkund, der ich entsprossen war.

Fortan gedenk ich heiter der Ahnen, dem Geschlecht.

Und geht das Spiel so weiter, ist’s mir von Herzen recht.

 

Rudi Strahl (1931 - 2001)